SUV oder Geländewagen

SUV und Geländewagen - Allrad, Modelle und Unterschiede

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Die Mercedes-Benz G-Klasse
  • Arne Roller
    vonArne Roller
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Was gemeinhin als SUV bezeichnet wird, ist technisch gesehen oft ein Geländewagen. Wir zeigen wichtige Modelle und die Unterschiede beider Klassen.

  • SUV sind aktuell die Fahrzeugklasse mit den höchsten Verkaufszahlen
  • Viele als SUV bezeichnete Fahrzeuge fallen beim Kraftfahrtbundesamt in die Kategorie Geländewagen
  • Wir erläutern die wichtigsten Faktoren für die Geländegängigkeit eines Fahrzeugs

München – SUV sind aktuell die beliebteste und am meiste gekaufte Fahrzeugklasse. „Sports Utility Verhicle“ bedeutet so viel wie „Sport- und Nutzfahrzeug“. Gemeint sind in der Regel Fahrzeuge mit erhöhter Bodenfreiheit und einer selbsttragenden Karosserie, die an das Erscheinungsbild klassischer Geländewagen angepasst sind. Allerdings wird das Wort im deutschen Raum abgegrenzt von der Bezeichnung für Geländewagen verwendet. Im englischen Sprachraum passiert das nicht, dort ist auch ein Jeep Wrangler ein „SUV“. Kunden schätzen bei SUV die gute Übersicht oder das hohe Einsteigen. Wie Studie der University of Buffalo zeigt, ist die erhöhte Insassensicherheit in großen SUV wohl mehr als nur ein Gefühl. Auch die erhöhte Geländegängigkeit, die bei einigen SUV gegeben ist, kann ein Kauffaktor sein. Allerdings sind bei weitem nicht alle SUV fürs Offroad-Fahren geeignet. Viele Modelle wie beispielsweise der Kia Stonic, der Opel Crossland X oder der Renault Captur sind nur mit Frontantrieb erhältlich. Ein höhergelegter Kombi mit Allradantrieb à la VW Passat Alltrack, Volvo V90 Cross Country oder Audi A6 Allroad kommt im Gelände weiter.

SUV: Vorreiter, Vorteile und Kritik

Zu den Vorreitern der SUV-Klasse gehörten hierzulande in Deutschland in den 90er-Jahren die Modelle Toyota RAV4 oder Land Rover Freelander. Zu den meistverkauften SUV, die in Deutschland seit Jahren das Straßenbild prägen, gehören Modelle wie Opel Mokka, Mazda CX-5 oder auch Dacia Duster.

Kritik prasselt auf die Fahrzeugklasse spätestens seit dem Dieselskandal ein. Die immer stärker werdende Klimadebatte hat die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Fahrzeuge verstärkt auf den Plan gerufen. Hier muss in der Diskussion aber unbedingt differenziert werden. Es besteht ein großer Unterschied zwischen einem Mini-SUV und einem riesigen „Großstadt-Panzer“. Viele kleine Vertreter der Fahrzeugklasse haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Die eingangs genannten Vorteile sind den Fahrzeugen nicht abzusprechen. Ein Mini-SUV bringt diese, hat dabei einen geringeren Verbrauch und stößt weniger CO2 in die Luft als eine durchschnittliche Mittelklasse-Limousine. Denn Motorisierung, Größe (und damit einhergehend der CW-Wert) und Gewicht eines Fahrzeugs spielen umwelttechnisch eine Rolle, nicht die Bezeichnung der Fahrzeugklasse.   

Im Februar 2020 lautete die Top 3 der meistverkauften SUV wie folgt:

  • Mercedes GLC (7.011 Stück)
  • VW T-Roc (7.828 Stück)
  • VW T-Cross (4.752 Stück)

Geländewagen: Die Kandidaten fürs Grobe

Raubeiniger als das „durchschnittliche SUV“ kommen traditionelle Geländewagen daher. Die großen Namen, die hier fallen müssen, lauten: Suzuki Jimny, Toyota Land Cruiser, Mercedes-Benz G-Klasse und Land Rover Defender. Auch ein Nissan Patrol oder Mitsubishi Pajero haben noch immer – auch nach der Einstellung der Modelle für den europäischen Markt – viele Fans.

SUV und Geländewagen: Alles eine Frage der Definition

Was macht einen Geländewagen aus? Was muss er haben, um unter widrigen Umständen unbeschadet möglichst weit zu kommen?  Neben vielen verschiedenen Meinungen unter Offroad-Fans gibt es die technische Definition der EU. Um diese verstehen zu können, muss zunächst einmal ein (ganz) kleines Einmaleins der wichtigsten technischen Begriffe erläutert werden.

Differentialsperre:

In bestimmten Fahrsituationen, wie zum Beispiel bei Kurvenfahrten, drehen sich die Räder unterschiedlich schnell. Die äußeren Räder laufen in einer Kurve schneller als die im Kurveninneren. Ein Differenzial gleicht diese unterschiedlichen Radumdrehungen zwischen den Rädern aus. Im Gelände aber geht schnell die Bodenhaftung eines oder mehrerer Räder verloren. Mit einem offenen Differential kommt man dann nicht mehr weiter, die Räder drehen durch, da alle Kraft bei den Rädern mit dem geringsten Widerstand landet. Eine Differentialsperre oder „Sperredifferential“ ist hier die Lösung. Eine mechanische „Sperre“ (mit Einsatz einer Klauenkupplung) zwischen Vorder- und Hinterachse sorgt zum Beispiel dafür, dass die Kraftverteilung zwischen beiden Achsen konstant bei 50/50 liegt. Weitere Sperrdifferentiale an den Achsen (wie Z.B. bei der G-Klasse) sorgen für sie konstante Kraftverteilung zwischen den einzelnen Rädern. Ein Sperrdifferential sorgt also dafür, dass die Räder mit Traktion den nötigen Vortrieb erhalten, um das Fahrzeug zu bewegen.  

Überhangwinkel:

Der Überhangwinkel, auch Böschungswinkel genannt, bezeichnet den Wert des Winkels zwischen der Standebene sowie dem jeweils vorne und hinten äußersten tiefsten Punktes des Fahrzeugs.

Rampenwinkel:

Diese Angabe eschreibt den Winkel, bis zu dem ein Fahrzeug bei niedriger Geschwindigkeit über eine Rampe fahren kann, ohne dass es mit seinem Unterboden auf der Rampenkante aufsetzt.

Bei einer Starrachse sind Räder einer Achse über einen starren Achskörper miteinander verbunden. Starrachsen sind robust, hoch belastbar und günstig. Das ist natürlich vorteilhaft im schweren Gelände oder auch beim Transport von Lasten.

Zwei wichtige Vorteile im Allradbereich sind die gleichbleibende Bodenfreiheit beim Einfedern des Fahrzeugs sowie die gleichmäßigere Verteilung des Anpressdrucks der Räder. Das hilft im Gelände dabei, die Traktion zu wahren. Ein Problem der Starrachse ist ihre relativ hohe ungefederte Masse. Daher neigt sie bei höheren Geschwindigkeiten auf nicht komplett ebenen Fahrbahn zum „springen“.

Geländewagen wie der Jeep Wrangler und der Suzuki Jimny verfügen weiterhin über Starrachsen während die neueste Generation des Land Rover Defender nun stattdessen auf Einzelradaufhängungen setzt. Die aktuelle Baureihen von G-Klasse und Toyota Land Cruiser gehen einen eigenen Weg: Hinten Starrachse, vorne Einzelradaufhängung.

Geländeuntersetzung:

Die Geländeuntersetzung, oft auch einfach „Untersetzung“ oder „Reduktion“ genannt ist eine besondere Getriebevariante, die es erlaubt, die Drehzahl, bei bestimmten Anforderungen, zu verlangsamen bzw. zu reduzieren. Die Gänge des Schaltgetriebes werden verkürzt, damit mehr Steigkraft zur Verfügung steht

Wattiefe:

Als Wattiefe bezeichnet man die maximale Gewässertiefe, durch die ein Fahrzeug fahren (waten) kann. Die Wattiefe ist von verschiedenen Faktoren wie beispielweise der Höhe der Luftansaugung des Motors oder Abdichtung des Fahrzeugs abhängig.

Ein Land Rover Freelander bei einer Wasserdurchfahrt

(Achs-)verschränkung:

Die Achsverschränkung oder auch einfach „Verschränkung“ genannt, ist das Maß für die Fähigkeit eines Fahrwerks, in unebenem Gelände beide Achsen gegeneinander zu verdrehen. Die Verschränkung wird in Millimetern angegeben und ergibt sich aus der maximalen Differenz der Federwege an Vorder- und Hinterachse, bevor ein Rad den Bodenkontakt verliert.

Hier zeigt ein Land Rover Discovery Können beim „Verschränken“:

Leiterrahmen:

Der Leiterrahmen ist eine Bauart von Fahrzeugrahmen im Automobilbau. Er sitzt unter der Karosserie und nimmt neben dieser auch die Achsen, den Motor und das Getriebe auf. Zwischen zwei starken Längsholmen sind Querstreben eingefügt, die ihm die Form einer Leiter geben. Dieser besonders stabile Unterbau macht den Geländewagen gezielt für Fahrten im Gelände verwindungssteif und robust. Auch wichtig: Festgefahrene Fahrzeuge mit Leiterrahmen lassen sich an eben diesem mit schwerem Gerät befreien, ohne die Karosserie zu beschädigen. Bei einer selbstragenden Karosserie könnte es durch die starke Krafteinwirkung zu Verwindungen kommen.

SUV und Geländewagen: Die Unterteilung des Kraftfahrtbundesamtes

Bevor wir zur Richtlinie der EU kommen hier erst einmal die Liste der meistverkauften „Geländewagen“ im Februar 2020 laut Kraftfahrtbundesamt:

  • VW Tiguan (12.113 Stück)
  • Audi Q3 (4.972 Stück)
  • Audi Q5 (3.787 Stück)

Diese kleine Auflistung zeigt, wieso SUV und Geländewagen streng genommen oft verwechselt werden. Es mag es verwundern, dass sowohl der Tiguan und auch die gemeinhin als SUV bezeichneten Audi Q3 und Q5 als Geländewagen gelistet sind. Dies beruht auf eben jeden Richtlinie der EU, die besagt, dass Fahrzeuge der Klasse „M1“ (internationale Fahrzeugklasse für Fahrzeuge zur Personenbeförderung) dann als Geländefahrzeuge gelten, wenn sie wie folgt ausgestattet sind:

  • Sie brauchen mindestens eine Vorderachse und mindestens eine Hinterachse, die so ausgelegt sind, dass sie gleichzeitig angetrieben werden können, wobei der Antrieb einer Achse abschaltbar sein kann.
  • Es muss mindestens eine Differentialsperre oder mindestens einen Mechanismus geben, der eine ähnliche Wirkung gewährleistet.
  • Wenn sie als Einzelfahrzeug eine Steigung von 30 % überwinden können, nachgewiesen durch Rechnung.

Außerdem müssen mindestens fünf der folgenden sechs Anforderungen erfüllt sein:

  • Der vordere Überhangwinkel muss mindestens 25° betragen.
  • Der hintere Überhangwinkel muss mindestens 20° betragen.
  • Der Rampenwinkel muss mindestens 20° betragen.
  • Die Bodenfreiheit unter der Vorderachse muss mindestens 180 mm betragen.
  • Die Bodenfreiheit unter der Hinterachse muss mindestens 180 mm betragen.
  • Die Bodenfreiheit zwischen den Achsen muss mindestens 200 mm betragen.

SUV und Geländewagen: Viele unterschiedliche Meinungen

Neben der offiziellen Nomenklatur liegen natürlich Offroader mit den verschiedensten fahrbaren Untersätzen von Land Rover Defender über Mitsubishi Pajero bis Toyota Land Cruiser in fortwährender Diskussion darüber, was ein waschechter Geländewagen alles haben muss. Starrachsen? Leiterrahmen? Was für die EU keine Rolle spielt, gehört für manche einfach dazu. Ein Paradebeispiel für einen Geländewagen stellt auch heute noch der aktuelle Suzuki Jimny dar, der seinen Wurzeln komplett treu geblieben ist: Starrachsen, Leiterrahmen, bei eingelegtem Allradantrieb ein starrer Durchtrieb mit einer Kraftverteilung von 50%50, der letztendlich wie eine Differentialsperre agiert und natürlich eine Geländereduktion für das langsame „Crawlen“ im Gelände. Lediglich Fans der G-Klasse könnten hier argumentieren, dass ihr Gefährt mit drei Sperren (eine für die Kraftverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse und zusätzlich eine an jeder Achse) mehr bietet als der Jimny. Dafür hat die neueste Generation G-Klasse jetzt vorne eine Einzelradaufhängung, womit sie für viele Puristen vom rechten Weg abgekommen ist. Es ist eben schwer, alle zufrieden zu stellen.