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Mercedes EQS 450+ im Test: Reicht auch das Einstiegsmodell mit Heckantrieb?

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Von: Jasmin Pospiech

Wer sich für die E-Limousine Mercedes EQS interessiert, sollte sich die Frage stellen, ob nicht auch das Einstiegsmodell EQS 450+ genügt, denn auch der 580er ist bei 210 km/h abgeregelt.

Stuttgart – Durch den Elektrotrend könnten sich die Autohersteller in eine gefährliche Situation manövrieren. Denn die Zeit der so begehrten Topmodelle als ertragreiche Imageträger könnte bald vorbei sein. Bestes Beispiel ist der neue Mercedes EQS 450+, der im Realbetrieb kaum weniger bietet als der große 580er. Das Leistungsdefizit fällt in der Realität kaum ins Gewicht und bei der Reichweite bietet der Einsteiger sogar nennenswerte Vorteile von bis zu 100 Kilometern.

Mercedes EQS 450+ im Test: Reicht auch das Einstiegsmodell der E-Limousine?

Dabei spaltet die E-Limousine von Daimler die Sternen-Fans. Die einen sehen im elektrischen Aushängeschild den Sprung in eines neues Autozeitalter, andere tun sich mit dem sogenannten One-Bow-Design schwer und monieren, dass der EQS nicht den grandiosen Luxus des Verbrenner-Topmodells S-Klasse bietet. Doch wie dem auch sei – die Uhren bei Daimler gehen anders – spätesten seitdem die Führungsriege vor Kurzem verkündete, dass man bis Ende des Jahrzehnts auf Elektromotoren umstellen werde. (Besitzer fragt seinen Mercedes, wie er Tesla findet – die Antwort ist zum Totlachen)

Der neue Mercedes EQS 450+ von schräg vorne
Der neue Mercedes EQS 450+ ist das „Einstiegsmodell“ der E-Limousine von Daimler. © Mercedes-Benz AG

Das bringt nicht nur beim Design zahlreiche Veränderungen mit sich, weil beim Cw-Wert und der Stirnfläche um jede Stelle hinterm Komma gekämpft wird. So wird aus der klassischen Limousine oftmals eine Version mit fließenden Formen und somit eine Mischung aus Ford Scorpio, Citroën CX 25, einem Stück Seife sowie einem Lutschbonbon. Nur so kommen maximale Reichweiten und eine Effizienz zustande, dass ein Elektroauto wie der Mercedes EQS mit der S-Klasse mit Verbrennermotor halbwegs mithalten kann. (ADAC-Pannenstatistik-2020: Neben Deutschland überzeugt auch dieses Herstellerland)

Doch es bleibt die Frage, ob es bei einem Modell wie dem Mercedes EQS die Topmotorisierung des 580ers mit seinen 385 kW / 522 PS sein muss oder ob nicht die aktuelle Einsteigervariante in Form des EQS 450+ reicht. Sie ist 245 kW / 330 PS stark. An sich ein stattlicher Unterschied, der beim im Herbst folgenden Mercedes-AMG EQS noch größer werden wird, doch in der Realität sieht das Ganze schon anders aus, denn hier ist der Mercedes EQS 450+ zumindest eine echte Alternative zum deutlich stärkeren 580er. 

Mercedes EQS 450+ im Test: Bei 210 km/h Höchstgeschwindigkeit ist Schluss

Der Grund liegt auf der Hand, denn die Beschleunigungswerte des 450+ sind mit 6,2 Sekunden von null auf Tempo 100 in der Realität flott genug und beide Motorvarianten werden allzu früh bei 210 km/h abgeregelt. Auf der Autobahn die Zügel lockerlassen und einfach bis Tempo 250 oder gar schneller fahren, ist daher auch mit dem EQS 580 nicht drin.

Und im Realbetrieb auf deutschen Straßen bringt einem das aktuelle Topmodell mit seinen 522 PS und gigantischen 855 Nm abgesehen vom gewaltigen Schub kaum einen Vorteil. Weil eben die 330 PS und 568 Nm Drehmoment reichen, den 2,5 Tonnen schweren Hecktriebler flott bis gar schnell zu bewegen. Ein kleiner Zwischenspurt hier, ein schnittiges Autobahntempo dort – das alles kann eben auch der EQS 450+.

Man fährt mit einer solchen Elektro-Luxuslimousine einfach etwas anders als mit einem Verbrenner und den sonoren V8-Klang aus der brabbelnden Auspuffanlage gibt es ohnehin nicht. So macht letztlich nur der Allradantrieb den Unterschied, mit der Mercedes EQS 580 4matic obligatorisch ausgestattet ist. Jedoch muss man kaum ein Prophet sein, dass auch die Basisversion aus Sindelfingen über kurz oder lang als Allradversion nachgezogen wird.

Die Seitenlinie des neuen Mercedes EQS 450+
Der Mercedes EQS 450+ schafft bis zu 780 Kilometer Reichweite. © Mercedes-Benz AG

Mercedes EQS 450+ im Test: In 15 Minuten Strom für 300 km nachladen

Und wer auf längeren Strecken um jeden Kilometer kämpft, ehe es an die Ladesäule geht, der ist mit dem schwächeren Modell ohnehin besser bedient. Der offeriert seinem Fahrer durch die allein angetriebene Hinterachse zwar eine deutlich geringere Rekuperationsleistung von 186 zu 290 Kilowatt, doch wer an einer Schnellladesäule steht, kann den Mercedes EQS 450+ in 15 Minuten auf bis zu 300 Kilometer erstarken, wenn der Akku zwischen den Achsen nur leer genug ist.

Der Allradler schafft in einer Viertelstunde maximal 260 Kilometer. Zudem ist der Verbrauch des rund 100 Kilogramm leichteren EQS 450+ mit 15,8 bis 19,8 kW auf 100 Kilometer deutlich geringer als die 18,3 bis 21,4 kWh des stärkeren Bruders. Kein Wunder, dass der 450er unterm Strich einen Reichweitenvorteil von 780 zu 676 Kilometern hat. 

Ansonsten sind die Unterschiede zwischen 450er-Einsteiger und dem Interims-Topmodell des EQS 580 4matic ebenso kaum zu spüren wie bei anderen Modellen aus dem Hause Daimler. Das Platzangebot ist üppig, auch wenn viele eine zusätzliche Version mit langem Radstand vermissen werden. Und gerade im Fond ist der Mercedes EQS weder als 450+ noch als 580 eine echte Konkurrenz zur S-Klasse, die bei Reise- und Sitzkomfort nicht nur durch die verfügbare Einzelsitzanlage ein ganz anderes Komfortniveau bietet.

Gerade die Chauffeurvarianten des EQS – auf dem Hauptmarkt Asien – werden sich in Grenzen halten. Man sitzt durch das im Boden verbaute Akkupaket deutlich höher als beim Verbrenner-Bruder aus Sindelfingen und elektrische Rollos oder komplett verstellbare Sitze im Fond gibt es nicht. Immerhin schluckt der Laderaum der Schräghecklimousine mit 610 bis 1.770 Liter deutlich mehr als die aktuelle S-Klasse.

Das Cockpit des Mercedes EQS 450+.
Cooles und schickes Design: Das Cockpit des Mercedes EQS 450+ macht was her. © Mercedes-Benz AG

Mercedes EQS 450+ im Test: Monster-Cockpit mit drei Displays

Wenn gewünscht, öffnen sich die Türen vorne wie hinten elektrisch. Das imposante Monster-Cockpit mit den drei Bildschirmen ist immer wieder eine Schau. Drei Displays für Fahrer, Beifahrer und als Zentraleinheit bespielen die Umgebung auf beeindruckende Weise. Dabei ist das scharfe Display für den Copiloten zwar gut und schön, seine Funktionen jedoch kaum mehr als auf dem zentralen Hochkant-Display. Aktuell lassen sich hier während der Fahrt nämlich weder Filme schauen noch im Netz surfen. Einen echten Mehrwert gibt es somit nur auf den beiden weiteren Bildschirmen im Fond.

Doch der Reisekomfort ist ein anderer, als man es von der Mercedes S-Klasse seit Jahrzehnten kennt. Der jüngst neu aufgelegte Klassiker federt durch seine Luftfederung weich und mit grenzenlosem Komfort über alle nur erdenklichen Bodenunebenheiten hinweg. Fahrer und Passagiere in der ersten wie auch in der zweiten Reihe des elektrischen Mercedes EQS bemerken, dass es bei der Fahrt durch die ebenfalls verbaute Luftfeder entkoppelter, aber irgendwie strammer als bekannt zugeht, was allemal Fahrspaß bereitet. Dabei ist die Ruhe während der Fahrt mehr als beeindruckend. Man wirkt von der Außenwelt entkoppelter denn je. (Neue Mercedes-C-Klasse im Test: So fährt sich der Elektro-Diesel)

Technische Daten Mercedes EQS 450+
Motor/AntriebElektromotor / Heck
Leistung/Drehmoment245 kW (330 PS) / 568 Nm
Vmax/0–100 km/h210 km/h / 6,2 s
Leergewicht2.480 kg
Laderaum610 – 1.700 l
Normverbrauch15,8 – 19,8 kWh/100 km
Preisca. 110.000 Euro

Man reist im Mercedes EQS 450+ nicht nur nahezu geräuschlos, sondern auch entspannter als mit der S-Klasse über Landstraßen, auf der Autobahn oder durch die City. Die mächtige Länge von 5,22 Metern und speziell der endlose Radstand von 3,21 Metern wird durch die serienmäßige Hinterachslenkung gekonnt übertüncht. An das im Vergleich zur Mercedes-S-Klasse strammere Anfedern gewöhnt man sich ebenso wie an die leichtgängige Lenkung, die gut zum Charakter der elektrischen Luxuslimousine passt.

Das gilt für den verwöhnten S-Klasse-Kunden jedoch nur eingeschränkt für das generelle Gefühl, denn in Sachen Luxus, Detailliebe und speziell Sitze ist die S-Klasse in einer anderen Liga unterwegs als der EQS. Bei den Kosten wird es keine großen Unterschiede geben. Die Preise eines Mercedes EQS 450+ werden ebenso wie der EQS 580 4matic auf dem Niveau eines vergleichbaren Verbrenners und somit dem Mercedes S 450 liegen. Das wären dann rund 110.000 Euro. (Mit Material von press-inform)

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