Unterwegs im Stuttgarter Flaggschiff

Fahrbericht Mercedes-Benz S 500: Das autonome Fahren bleibt eine Enttäuschung

  • Sebastian Oppenheimer
    vonSebastian Oppenheimer
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Die offizielle Vorstellung der neuen Mercedes-Benz S-Klasse ist noch nicht lange her – wir waren nun auf einer ersten Testfahrt im S 500 unterwegs.

Stuttgart – Die Signatur „S 500“, die stolz auf dem Kofferraumdeckel der neuen Mercedes-Benz S-Klasse prangt, stellt im Grunde ein Vorspiegeln falscher Tatsachen dar. Stand doch diese Buchstaben-Ziffern Kombination bei Mercedes traditionell für ebenso durchzugkräftige und mit Laufkultur ausgestattete Achtzylinder. Öffnet man die Motorhaube, erfolgt das böse Erwachen im Jahr 2020: Ein Reihensechszylinder macht sich in dem mächtigen Motorraum breit.

Fahrbericht Mercedes-Benz S 500: Das autonome Fahren bleibt eine Enttäuschung

Klar, die Fahr- und Leistungsdaten sind eines Triebwerks mit acht Töpfen würdig: 320 kW (435 PS) und ein maximales Drehmoment von 520 Newtonmetern, das ab 1.800 U/min bereitsteht. Dazu kommt die bekannte Elektrifizierung durch den integrierten Starter-Generator, die bei niederen Tempi kurzfristig weitere 16 kW (22 PS) und 250 Nm Drehmoment beisteuert. Beim Fahren zeigt sich das Triebwerk als würdiger Nachfolger der mächtigen Achtender und wuchtet die 2.045 Kilogramm Lebendgewicht des Sternen-Flaggschiffs mit einer beeindruckenden Leichtigkeit um die Ecke. Das liegt auch an der Hinterachslenkung, die die Räder der S-Klasse um bis zu zehn Grad einschlägt und so den Wendekreis um zwei Metern verringert. Ein Segen, wenn man den 5,18-Meter-Koloss rangieren will, ganz zu schweigen von der Langversion, die es auf 5,29 Meter bringt. (BMW: Jubel-Post zur neuen Mercedes-Benz S-Klasse – doch die Sache hat einen Haken)

Der neue Mercedes S 500 wird von einem 3,0-Liter-Reihensechszylinder befeuert.

Fahrbericht Mercedes-Benz S 500: Die Cupholder können Getränke sowohl wärmen als auch kühlen

Bei den Fahrprogrammen sucht man einen Sport-Plus-Modus vergebens. Denn das wäre so, als ob man Prinz Charles auf einen 400-Meter-Hürdenlauf schicken würde. Für den englischen Thronfolger ist der Platz rechts hinten angemessen. Der lässt sich zum Liegesitz mit Lehnenneigung von 37 Grad umfunktionieren und bietet etliche Massageprogramme. In der Version mit langem Radstand neigt sich die Lehne sogar um 43,5 Grad. Auf Wunsch ist auch eine First-Class-Bedientafel samt Tabletbildschirm und zwei Thermo-Cupholder, die die Getränke wärmen oder kühlen, erhältlich. Damit das edle Haupt auch angenehm gebettet wird, bietet die Mercedes-Luxuslimousine beheizbare Zusatzkissen an den Kopfstützen. (Kanadier fliegt extra nach Deutschland zu Mercedes, um sich über seine S-Klasse zu beschweren)

Fahrbericht Mercedes-Benz S 500: Die Karosserie ist entkoppelt und wippt leicht nach

Das Fahrwerk mit Luftfedern ist so komfortabel, dass selbst Bremsschwellen oder grobe Fahrbahnunebenheiten kaum bei den Passagieren ankommen. Das Vorankommen in diesem Nobel-Gefährt hat nichts mehr vom gewöhnlichen Autofahren, sondern ist ein Luxus-Ereignis. Im Inneren ist es derart ruhig, dass man Telefonate auch bei hohen Geschwindigkeiten mit sanfter Stimme führen kann. Allerdings ist die Karosserie so entkoppelt, dass sie etwas nachwippt, was im Zusammenspiel mit dem riesigen Head-up-Display und dem Cockpit mit 3D-Effekt für ein schwummriges Gefühl beim Fahrer sorgen kann. Eine extra Wankstabilisierung mit sich verdrehenden Stabilisatoren gibt es im S 500 nicht. Das erledigen die Federn und Stoßdämpfer quasi nebenher, indem sie sich bei Bedarf versteifen und so das Auto „abstützen“.

Der Innenraum des neuen Mercedes S 500: weniger barock, dafür mit riesigen Displays.

Fahrbericht Mercedes-Benz S 500: Enttäuschung in Sachen autonomes Fahren

In der zweiten Hälfte des nächsten Jahres soll die S-Klasse auch das autonome Fahren Level 3 beherrschen. Allerdings bleibt von den ehemals optimistischen Ankündigungen nicht viel übrig: Der Robo-Pilot ist letztlich ein verbesserter Stau-Assistent. Das System funktioniert nur bis Tempo 60 auf deutschen Autobahnen und braucht ein vorherfahrendes Fahrzeug, an dem sich der Autopilot orientieren kann. Wie es mit baulich getrennten Fahrbahnen, wie etwa bei Stadtautobahnen aussieht, ist noch nicht klar. Schließlich hat der Gesetzgeber das letzte Wort und Mercedes arbeitet nach eigener Auskunft eng mit den entsprechenden Behörden zusammen. Beim Parken in entsprechenden ausgerüsteten Parkhäusern ist der schwäbische Autobauer schon einen Schritt weiter. In Zusammenarbeit mit Bosch fährt die Limousine selbsttätig vom Abgabepunkt in einen Parkplatz und bei Abholung wieder zurück. Das Ganze funktioniert ohne teure Lidar-Sensorik, sondern mit bordeigenen Mitteln, die mit den Stereokameras des Parkhauses kommunizieren. In einem Parkhaus am Stuttgarter Flughafen läuft schon ein Pilottest, bei dem die Fahrersitze verwaist sind.

Die neue S-Klasse von Mercedes-Benz ist 5,18 Meter lang.

Fahrbericht Mercedes-Benz S 500: Zwei Kameras dienen der Gesichtserkennung

Der Innenraum mit dem großen Display sieht modern und dennoch klassisch chic aus, hat aber nichts mehr von dem etwas barocken Charme des Vorgängers. Während der Arbeit freut sich der Chauffeur über ein 12,3 Zoll großes Hightech-Cockpit samt dreidimensionaler Anzeige und zwei integrierten Kameras zur Gesichtserkennung. Auch das zentrale Nervensystem MBUX ist weiterentwickelt worden und legt im Vergleich zum Vorgänger um etwa 50 Prozent an Rechenleistung zu. Das Tablet in der Mitte ist maximal 12,8 Zoll groß und hat eine OLED-Auflösung von 1.888 mal 1.728 Pixeln. Dazu passt die verbesserte und eingängigere Bedienung. Stimmbefehle werden zuverlässig erkannt und im Lenkrad kann man per berührungsintensiven Flächen zum Beispiel die Lautstärke sehr gut und genau regulieren. Zur Wohlfühloase im Innenraum trägt auch eine Ambientebeleuchtung mit einem Lichtband von rund 250 LEDs bei. (Neue Mercedes S-Klasse kopiert Tesla: Diese Technik gibt’s bei Elon Musk schon lange)

Technische Daten Mercedes-Benz S-Klasse 500 4Matic
Motor/Getriebe/Antrieb3,0-Liter-Reihensechszylinder, Neungang-Automatik, Allradantrieb
Leistung/Drehmoment320 kW (435 PS) / 520 Nm bei 1.800–5.500 U/min
Länge/Breite/Höhe5.179 / 2.109 / 1.503 mm
Vmax/0–100 km/h250 km/h / 4,9 s
Leergewicht2.045 kg
Kofferraumvolumen550 Liter
CO2-Ausstoß216 g/km
AbgasnormEuro 6d-ISC
Preis116.232 Euro

Fahrbericht Mercedes-Benz S 500: Head-up-Display projiziert Anzeigen scheinbar vor das Auto

Ein geradezu cineastisches Erlebnis bietet das neue Head-up-Display, das die Anzeigen scheinbar rund zehn Meter vor das Auto auf die Straße projiziert. Das entspricht einer virtuellen Monitorgröße mit einer Diagonalen von sage und schreibe 77 Zoll, einem Bildschirmgardemaß, bei dem so manche Heimkino-Fans glänzende Augen bekommen (Neue Mercedes-Benz S-Klasse: Das Head-up-Display wirkt so groß wie ein TV-Bildschirm). Wenn das Navigationssystem die Richtungsmarkierungen anzeigt, fliegen die Pfeile förmlich durch die Luft. Das ganze Spektakel wird freilich mit einem monströsen Kasten vor dem Lenkrad und hinter der Windschutzscheibe „erkauft“, aber einen Tod muss man bekanntlich sterben und die Vorteile dieses Systems wiegen dieses optische Manko allemal auf. (Wolfgang Gomoll / press-inform)

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