Elektrische Speerspitze

Maserati Ghibli Hybrid: Nur ein Vierzylinder in der Oberklasse – kann das gut gehen?

Standaufnahme eines Maserati Ghibli Hybrid von schräg vorn
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Bislang hatte der Maserati Ghibli ausschließlich Sechszylinder-Motoren unter der Haube.
  • Jan Schmidt
    vonJan Schmidt
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Maserati schien auf dem Weg in die automobile Sackgasse. Jetzt soll die Dreizack-Marke die elektrische Speerspitze des FCA-Konzerns werden. Der Ghibli Hybrid ist der Vorbote der neuen Zeit – und der lässt Hoffnung aufkeimen.

Modena – Es ist noch gar nicht so lange her, da kreisten die Geier über Maserati. Die Verkaufszahlen verharrten im Keller, die Technik der ansehnlichen Fahrzeuge war nicht immer die neueste und die Verarbeitung entsprach ebenfalls nicht den ambitionierten Preisen. Jetzt steht auch noch die Vereinigung der Maserati-Mutter FCA mit dem PSA-Konzern an und der neue starke Mann Carlos Tavares (62) ist kaum dafür bekannt, kränkelnde Autobauer lange durchzufüttern. Nicht wenige haben daher schon den Abgesang auf die stolze Marke angestimmt. (Maserati-Mogelpackung: Der neue Ghibli ist gar kein richtiger ...)

Zu früh, wie sich jetzt herausstellt: Maserati soll die elektrische Speerspitze des FCA-Konzerns werden. Dabei soll die Renaissance des italienischen Autobauers von Stromern wie der Elektro-Version des ansehnlichen Sportwagens MC20 oder des Crossover Grecale eingeläutet werden. Doch auch in Italien, wo die Bäume verbal gerne mal in den Himmel wachsen, muss man den ersten Schritt vor dem zweiten machen. Deswegen haben die Techniker einen Mildhybrid-Antriebsstrang ersonnen und diesen in den Ghibli verpflanzt. Ein solches Triebwerk ist heutzutage keine große Neuigkeit mehr, aber Maserati hat sich beim ersten Schritt in ihr elektrisches Zeitalter richtig Mühe gegeben. (Maserati MC20: Das steckt hinter dem kryptischen Namen des Supersportwagens)

Im Heck des Maserati Ghibli Hybrid verbirgt sich ein Laderaum von 500 Litern.

Maserati Ghibli Hybrid: Nur ein Vierzylinder in der Oberklasse – kann das gut gehen?

Die Italiener kombinieren einen Zwei-Liter-Vierzylinder-Benziner mit einem 48-Volt-Riemenstarter-Generator und einem elektrischen Verdichter. Von dem ursprünglichen Triebwerk aus dem FCA-Konzernregal blieben lediglich die Abmessungen und der Zylinderkopf erhalten. „Wir haben bei dem Motor fast alles ausgetauscht“, erklärt Ingenieur Corrado Nizzola. Unter anderem haben die Techniker einen größeren Turbolader installiert und die Motorsteuerung an die neuen Anforderungen angepasst. Was so einfach klingt, bedeutete für die Dreizack-Experten viel Tüftelarbeit. Vor allem die Synchronisation zwischen dem elektrischen Verdichter und dem Riemenstarter-Generator war nicht von heute auf morgen zu stemmen. (Neuer Ferrari Portofino M: Das Facelift bringt vor allem dem Beifahrer etwas)

Maserati hat dem Vierzylinder aus dem FCA-Konzernregal einen größeren Turbolader spendiert.

Letztendlich generiert der Vierzylinder eine Leistung von 243 kW/330 PS und ein maximales Drehmoment von 450 Newtonmetern, das bei 4.000 U/min zur Verfügung steht. „Fast noch wichtiger ist, dass bei 1.500 Umdrehungen bereits ein Drehmoment von 350 Newtonmetern anliegt“, erklärt Corrado Nizzola. In der Tat erweist sich dieser Kniff, um das Turboloch zu stopfen, als erfolgreich. Das Aggregat tritt geschmeidig an und hat im Zusammenspiel mit der ZF-Achtgangautomatik mit dem 1.878 Kilogramm schweren Ghibli keine Probleme. Ganz im Gegenteil. Das Triebwerk schiebt die Limousine mit einer Vitalität an, die man sonst nur von größeren Motoren kennt. (Fahrbericht BMW Alpina B5: Der M5 zieht nicht nur in dieser Disziplin den Kürzeren)

Dank des geringeren Gewichts auf der Vorderachse lenkt der Maserati Ghibli Hybrid spontaner ein.

Maserati Ghibli Hybrid: Die Fahrleistungen stehen dem Sechszylinder kaum nach

Vor allem, wenn man den Sport-Fahrmodus aktiviert, bereitet der Maserati richtig Freude, sprintet in 5,7 Sekunden von null auf 100 km/h und galoppiert weiter bis 255 km/h. Die Italiener tun gut daran, die Fahrprogramme von den Einstellungen der variablen Dämpfer zu trennen, so kann man das Fahrwerk im Komfortmodus belassen und trotzdem dynamisch unterwegs sein. Dazu trägt auch die Lenkung bei, die mitteilsam verdeutlicht, wie es um die Traktion der Vorderräder bestellt ist, und nicht mehr so nervös aus der Mittellage anspricht wie bisher. Angenehm ist auch, dass Sportlichkeit nicht mit hohen Rückstellkräften vorgegaukelt wird. Allerdings erreicht die Steuerung nicht ganz die Intuitivität, wie das bspw. bei Porsche der Fall ist. Beim Einlenken macht sich der Gewichtsvorteil des Vierzylinderbenziners gegenüber dem Sechszylinder-Diesel, den er ersetzen soll, positiv bemerkbar. Der Durchschnittsverbrauch pendelt sich laut Maserati bei 9,4 Liter/100 km ein. (BMW Alpina B7 im Test: Selbst bei 280 km/h noch Schub ohne Ende)

Maserati hat bei der Verarbeitung deutliche Fortschritte gemacht.

Die Unterschiede der drei Fahrmodi „I.C.E.“ (Increased Control and Efficiency/Erhöhte Kontrolle und Effizienz), „Normal“ und „Sport“ unterscheiden sich deutlich, sodass der Ghibli an jede Situation angepasst werden kann. Dazu kommen noch eine Reihe von Fahrerassistenzsystemen wie Spurhalteassistent, Totwinkel-Assistent und adaptiver Tempomat mit Stop-&-Go-Funktion. Allerdings wird das Bild der Rückfahrkamera nicht dem Premiumanspruch der italienischen Limousine gerecht. Immerhin ist das neue Infotainmentsystem mit dem 10,1-Zoll-Bildschirm ein deutlicher Schritt nach vorne, der längst überfällig war. Nun ist die Einbindung des Smartphones via Apple CarPlay und Android Auto möglich. Das Navigationssystem ist ebenfalls verbessert – grafisch zwar nicht auf der Höhe der Zeit, aber es erledigt seine Aufgabe zuverlässig. Extras wie Echtzeit-Verkehrsmeldungen fehlen allerdings. (Neue Mercedes-Benz S-Klasse: Das Head-up-Display wirkt so groß wie ein TV-Bildschirm)

Maserati Ghibli Hybrid – Technische Daten
Länge/Breite/Höhe4,97/1,95/1,46 Meter
Hubraum1.998 ccm
Leistung243 kW/330 PS
Drehmoment450 Newtonmeter
Beschleunigung von 0 bis 100 km/h5,7 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit255 km/h
Normverbrauch9,4 Liter/100 km
Grundpreis69.414 Euro

Doch solche technischen Feinheiten stehen für viele Maserati-Fans nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Sie erfreuen sich am schicken Design, der Gewissheit, kein 08/15-Automobil zu fahren, und an der verbesserten Verarbeitungsqualität des Innenraums, der bei uns großzügig mit Leder ausstaffiert war. So viel italienische Grandezza hat mit mindestens 69.414 Euro aber auch ihren Preis. (Von Wolfgang Gomoll/press-inform)

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