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Mercedes S 680 Guard im Test: So sicher sind die Mächtigen in ihrer Panzer-Limousine

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Von: Marcus Efler

Gepanzerte Mercedes-Fahrzeuge gelten unter gefährdeten Personen als die begehrtesten Automobile. So fährt sich das aktuelle Sonderschutzfahrzeug.

Stuttgart – Das Dragunow-Scharfschützengewehr ist ein Klassiker. Seine Munition kann Baumstämme durchschlagen – wobei deren Kern unversehrt und damit gefährlich bleibt. Was Gamer von „Call of Duty“ jubeln lässt, finden sie bei Mercedes nur bedingt lustig. Denn für Politiker und andere hochrangige Persönlichkeiten stellen solche Waffen eine realistische Bedrohung dar. Deswegen fahren diese auch meist in gepanzerten Mercedes S-Klassen vor. Die neueste Version des rollenden Bunkers ist VR10-klassifiziert (VR: Vehicle Resistance) und erreicht damit die höchste Schutzstufe für zivile Fahrzeuge. Damit ist die Limousine resistent gegen schwere Munition (für Experten: Kaliber 7,62 x 54R, Stahl-Vollmantel, Spitzkopf, Stahlhartkern mit Brandsatz) beziehungsweise 12,5 Kilogramm Plastiksprengstoff. (Shopping-Tour im XXL-Panzer? Im Scherp-Geländefahrzeug durch den Drive-in)

Mercedes S 680 Guard im Test: So sicher sind die Mächtigen in ihrer Panzer-Limousine

So viel Sicherheit hat natürlich ihren Preis: nämlich 543.949 Euro, mit Sonderwünschen deutlich mehr. Trotzdem ist der Mercedes S 680 Guard weltweit die am meisten genutzte bewegliche Trutzburg. Berühmter ist nur noch das „Beast“, die Limousine des US-amerikanischen Präsidenten.. Dafür bietet der Benz im Innern mehr Platz.

Mercedes-Benz S 680 Guard von vorne
Platz da! Der Mercedes S 680 Guard mit unauffällig integrierten und abnehmbaren Blaulichtern. © Tom Koenig/Mercedes

So ein Sonderschutzfahrzeug wird ja auch nicht von heute auf morgen gebaut: Eine S-Klasse ist nach etwa eineinhalb Tagen nahezu vollautomatisch fertiggestellt, ein Guard benötigt rund 50 Tage vor allem in Handarbeit von „besonders erfahrene Kollegen“, wie Produktionsleiter Christof Wittlinger erklärt. (Panzer-Fahrzeuge: Darum sind die Mächtigen in ihren geschützten Autos sicher)

Mercedes S 680 Guard im Test: Feuer frei auf den Dummy mit Knochen und Weichteilen

Der Aufbau eines S 680 Guard unterscheidet sich deutlich von dem einer S-Klasse, auch wenn beide Modelle optisch ähnlich sind. „Das Kunststück ist die Sicherheitszelle. Die Beplankung ist nur noch Dekoration“, erklärt Baureihenleiter Dr. Andreas Zygan. Die Mercedes-Techniker sind immer im Austausch mit den Experten des Bundeskriminalamts und einer Behörde namens Beschussamt, die versuchen, die Schwachstellen des S 680 Guard aufzudecken. Deswegen befeuern sie das Auto auch mit über 300 Schuss VR10-Munition, um zu sehen, ob der Biofidel-Dummy den Kugelhagel unbeschadet übersteht: Diese Puppe bildet mit 42 Knochen sowie zwölf Weichteil- und Gewebebestandteilen die Beschaffenheit des Homo Sapiens nach. (Gepanzerte Limousinen: So geschützt fahren Trump, Putin, Merkel & Co. in ihren Autos)

Mercedes-Benz S 680 Guard in Pylonengasse
Nicht wirklich ein Kurvenkünstler: Mercedes S 680 Guard im Slalom-Kurs © Tom Koenig/Mercedes

Mercedes S 680 Guard im Test: Personenschützer wollen die Hände frei haben

Ein Element des Unterbodenschutzes wiegt 120 Kilogramm und besteht aus Stahl mit einer Aramidbeschichtung, um gegen Splitter gewappnet zu sein. Dazu kommen zentimeterdicke, mit Polycarbonat-Splitterschutz beschichtete Scheiben. Die in den Türen lassen sich im Notfall per Hydraulik schließen oder öffnen, damit man durch die Öffnung fliehen kann. Deswegen befindet sich in jeder Pforte eine Einheit aus Kompressor und Ventilblock samt Druckspeicher. Jede Türe wiegt 120 Kilogramm (die der normalen S-Klasse etwa 25 Kilogramm) und wird mithilfe eines elektro-mechanischen Systems bewegt. „Wir hören von unseren Kunden beziehungsweise deren Personenschützern immer wieder, dass es das Wichtigste ist, dass sie die Hände frei haben und sofort reagieren können“, erklärt Andreas Zygan. Insgesamt bringt der Mercedes S 680 Guard rund 4,2 Tonnen auf die Waage. Robustheit ist die oberste Maxime: Deswegen hat der Guard ein 12-Volt-Bordnetz und verzichtet auf Spielereien wie das 3D-Cockpit. Auch das Head-up-Display würde wegen der Splitterfolie in der Windschutzscheibe sowieso nicht funktionieren. (Audi A8 L Security: Diese Panzer-Limousine schützt die Bundeskanzlerin)

Mercedes-Benz S 680 Guard, fahrend
Betont unauffällig, aber Experten bemerken die kleineren Fensterflächen: der Mercedes S 680 Guard © Tom Koenig/Mercedes

Mercedes S 680 Guard im Test: Feuerlöscher serienmäßig, Kühlschrank gegen Aufpreis

Im Fond geht es dafür luxuriös zu. Den Mercedes S 680 Guard gibt es nur mit langem Radstand und auf Wunsch mit Kühlschrank in der Mittelarmlehne. Hinter der Sitzbank befindet sich eine Panzer-Schutzwand, an der die Feuerlöschanlage und der Frischluftzylinder angebracht sind. Der ist bei Gasangriffen besonders wichtig. Denn dann wird die Fahrgastzelle hermetisch abgeriegelt, ein Überdruck erzeugt, der die giftigen Stoffe nach außen drückt und den Innenraum mit frischer Luft flutet.

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„Die Fahrzeuginsassen wollen um keinen Preis auffallen. Deswegen ist der S 680 Guard fast immer schwarz lackiert, einige wenige weiß“, sagt Produktionsleiter Christof Wittlinger. Wir sitzen am Steuer eines schwarz lackierten Modells. Unter der Motorhaube werkelt standesgemäß ein Sechsliter-V12-Kraftwerk mit 612 PS und einem maximalen Drehmoment von 830 Newtonmetern. Schon bei den ersten Runden auf dem abgesperrten Trainingskurs wird klar: Der Mercedes S 680 Guard fährt sich unspektakulär  – und dank des speziell abgestimmten Fahrwerks durchaus komfortabel bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 190 km/h. (Joe Biden hat Fahrverbot: US-Präsident muss auf seine Corvette Stingray verzichten)

Fond des Mercedes-Benz S 680 Guard
Hinten luxuriös: Hier sitzt man sicher und komfortabel. © Tom Koenig

Mercedes S 680 Guard im Test: Nur besonders ausgebildete Fahrer dürfen ans Steuer

Allerdings merkt man vor allen in Kurven und bei Ausweichmanövern das tonnenschwere Gewicht des Gefährts, das sich spürbar zur Seite neigt oder zum Fahrbahnrand drängt. „Das Auto ist nicht auf Dynamik getrimmt, sondern darauf, möglichst schnell von einer Gefahrensituation wegzukommen“, verdeutlicht Andreas Zygan. Der knapp 550.000 Euro teure Panzerwagen muss bewegt werden, als wenn man eine Ladung rohe Eier an Bord hätte. Hektische Lenkbewegungen sind tabu.

Deswegen dürfen nur besonders ausgebildete Fahrer ans Steuer. Auch platte Reifen verhindern das Entkommen nicht, wie wir feststellen können: Das Michelin-PAX-Notlaufsystem trägt den Mercedes S 680 Guard bis zu 30 Kilometern weit und auch dabei bleibt das Fahrzeug fahrbar. In der Mittelkonsole befinden sich dann noch Knöpfe für das Blaulicht, die Sirene, Blitzleuchten und Funkgeräte sowie ein Gefährdeten-Alarm-System, bei dem der Schalldruck besonders hoch ist. Uns juckt es in den Fingern, mal ein bisschen für Rabatz zu sorgen, lassen es dann aber doch. Denn wir wollen ja um keinen Preis auffallen. (Von Wolfgang Gomoll/press-inform)

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