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Neuer Audi RS e-tron GT: Überzeugender Tesla-Fighter fordert auch Porsche Taycan heraus

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Von: Christian Schulz

Mit dem Audi RS e-tron GT haut der Ingolstädter Autobauer einen Tesla-Fighter raus. Der Bruder des Porsche Taycan überzeugt durch Komfort und Fahrleistungen. Das hat seinen Preis.

Ingolstadt – Der neu in Serie gegangene Audi RS e-tron GT ist technisch ein jüngerer Bruder des Porsche Taycan. Denn beide Fahrzeuge teilen sich die Porsche J1-Plattform und rund 40 Prozent der Komponenten. Daher hatten Porsches Manager lange die Sorge, der brandneue Elektro-Bolide des bayerischen Autoherstellers aus Ingolstadt könne zu einer Kannibalisierung führen. Wenn man den RS e-tron GT fährt, erscheint dies nicht ganz unbegründet: Denn egal, wo man hinkommt, die anderen Verkehrsteilnehmer nehmen den neuen Stromer offensichtlich wohlwollend zur Kenntnis.

Der Audi RS e-tron GT von vorne

Der Audi RS e-tron GT weiß zu überzeugen – er fordert nicht nur Tesla heraus, sondern auch Bruder Porsche Taycan. © Audi/Daniel Wollstein

Neuer Audi RS e-tron GT: Überzeugender Tesla-Fighter fordert auch Porsche Taycan heraus

Zumindest auf dem Papier hält der Audi RS e-tron GT mit 475 kW / 646 PS sowie einem maximalen Drehmoment von 830 Newtonmetern einen Respektabstand zum Porsche Taycan Turbo S ein, der es auf 560 kW / 761 PS und bis zu 1.050 Nm bringt. Die Fahrleistungen sind entsprechend: Der Audi absolviert den Standardsprint von null auf 100 km/h in 3,3 Sekunden, der Porsche in 2,8 Sekunden. Bei der Höchstgeschwindigkeit zeigt der Porsche dem Audi mit 260 zu 250 km/h ebenfalls knapp die Rücklichter. (Porsche Taycan Cross Turismo: Mehr Laderaum – und ein zusätzliches Fahrprogramm)

Der Audi RS e-tron GT in einer Seitenansicht von schräg oben

Neues Elektro-Schmuckstück: Beim Audi RS e-tron GT gefallen Eleganz, Komfort und exakt abgestimmte Fahrmodi. © Audi/Daniel Wollstein

Angesichts dieser schwindelerregenden Zahlen, die eines jeden Sportwagens mit Verbrennungsmotor würdig wären, stellt sich die Frage: Wie viel hochleistungsfähiges E-Auto braucht man, wen man es sich leisten kann? Reicht der Audi RS e-tron GT oder sollte es besser gleich der Porsche Taycan sein? Beim Finden der Antwort auf diese Frage ist der Preis sicher ein wesentliches Argument: Der RS e-tron GT schlägt mindestens mit beachtlichen 138.200 Euro zu Buche. Unser Testwagen ist mit allen seinen Spielereien und Vorzügen aber eher das Modell „volle Hütte“ – und schlägt daher bei satten 176.800 Euro auf. Zu den Extras gehören Sportsitze pro (2.000 Euro), spezielle 21-Zoll-Felgen (2.500 Euro) und verschiedene moderne Assistenzsysteme – darunter Kreuzungsassistent, Nachtsicht und adaptiver Tempomat. Zum Vergleich: Den Porsche Taycan Turbo S gibt es in der Basisausstattung ab 186.336 Euro. (Apple iCar soll 120.000 Euro kosten – sieht so das Ende der deutschen Autoindustrie aus?)

Neuer Audi RS e-tron GT: Innenleben des E-Sportwagens betont sportlich gestaltet

Genug geredet – rein ins Geschoss: Das Interieur des Audi RS e-tron GT empfängt einen mit offenen Armen und umschmiegt den Fahrer geradezu. Das 10,1 Zoll große Mitteldisplay ist zum Fahrersitz geneigt und das Ambiente daher nicht so betont luftig wie bei anderem Elektro-Modellen. „Wir wollen die Elektromobilität sportlich interpretieren“, erklärt Audi-Designerin Carla Schink. Die meisten Autoliebhaber dürften dies als gelungen bewerten. Wir jedenfalls haben uns im Cockpit gleich heimisch gefühlt – auch ohne quasi frei schwebende Mittelkonsole. (Elon Musk will Tesla Roadster schon 2022 schweben lassen – mit Raketen-Power von SpaceX)

Die erste Reihe im Audi RS e-tron GT mit Fahrer- und Beifahrersitz sowie den Armaturen

Dem Fahrer zugewandt: Das edle Innenleben des Audi RS e-tron GT haben die Ingolstädter bewusst sportlich gestaltet. © Audi/Daniel Wollstein

Eine perfekte Sitzposition ist schnell gefunden und mit leichtem Druck aufs Gaspedal setzt sich der Audi RS e-tron GT in Bewegung. Untermalt von einem „Motorenklang“, der je nach Geschwindigkeit beziehungsweise Fahrmodus anschwillt oder ganz ausgeschaltet werden kann. Wirklich aufdringlich wird das Geräusch nie. Ohnehin geht es im Audi RS e-tron GT ziemlich leise zu, bei höherem Tempo dringen lediglich Windgeräusche in den Innenraum. (BMW-Boss Oliver Zipse macht Elon Musk eindeutige Kampfansage: „Es wird nicht einfach für Tesla“)

Neuer Audi RS e-tron GT: Vier verschiedene Fahrmodi können überzeugen

Bei den Fahrmodi gibt es im RS e-tron GT bekannte Audi-Kost: Efficency, Comfort, Dynamic und Individual. Wer auf Sieg fährt, wählt den Dynamic-Modus, dann taucht die Karosserie um zehn Zentimeter ab und der Allradantrieb favorisiert das Heck samt der serienmäßigen Quersperre. Das Fahrwerk mit der Dreikammer-Luftfeder strafft sich spürbar, lässt den Audi RS e-tron GT aber selbst auf schlechten Straßen kaum hoppeln. Der intelligente Einsatz der Federbeine und Stoßdämpfer machen eine Wankstabilisierung weitgehend überflüssig, da der 2.315 Kilogramm schwere Ingolstädter Bolide auch so behände um die Ecken pfeift. Lediglich in sehr sportlich durchfahrenen Kurven schlägt sich die Taycan Turbo S mit seiner 48-Volt-Wankstabilisierung etwas besser, da die Untersteuerneigung minimiert wird und das Einlenken des Vorderwagens etwas zackiger verläuft. (Pininfarina Battista: So lief unsere Mitfahrt im „schnellsten italienischen Auto“)

Der Audi RS e-tron GT bei einer Ausfahrt von schräg hinten

Die unterschiedlichen Fahrmodi des Audi RS e-tron GT haben verschiedene Vorzüge – wir haben sie getestet. © Audi/Daniel Wollstein

Doch auch im Efficiency-Programm ist der Audi RS e-tron GT ein absolutes Alphatier auf dem Asphalt. Die Karosserie senkt sich um 22 Millimeter ab und die vorderen Räder bekommen mehr Antriebskraft zugeteilt. Damit drängt der Wagen mehr nach außen, aber die elektromechanische Lenkung spiegelt pflichtschuldig das Traktionsniveau wider. Bei der Lenkung hat sich Audi in den letzten Jahren extrem gesteigert und so kündigt sich das Untersteuern frühzeitig an und kann durch intuitives Gaswegnehmen oder Öffnen des Lenkwinkels hervorragend eingedämmt werden. Dass die Höchstgeschwindigkeit im Efficiency-Modus auf 140 km/h begrenzt ist, hilft beim Stromsparen – und bei Bedarf kann das System mit einem beherzten Tritt auf das Gaspedal überstimmt werden und lässt den E-Pferden freien Lauf. Wir waren fast durchgängig im Efficiency-Modus unterwegs und kamen souverän voran. (Neuer Mercedes-Benz EQA 250: Kleiner Bruder des EQC ist komfortabel – aber spartanisch ausgestattet)

Neuer Audi RS e-tron GT: Geänderte Rekuperation und extraschnelle Ladezeit

Bei der Rekuperation wendet sich der Audi RS e-tron GT von der strikten „One-Pedal-Diktion“ des e-tron SUVs ab. Das Segeln hat sich als das energetisch sinnvollere Instrument zum Stromsparen herausgestellt. Daher gibt es beim RS e-tron GT nur noch zwei Energie-Wiedergewinnungsstufen, die zudem deutlich leichter ausfallen als beim SUV.

Kommen wir zum Verbrauch. Bei unserer Etappe mit einem großen Anteil von Autobahnen, Landstraßen und verschiedenen Geschwindigkeiten, die auch mal jenseits der 120 km/h lagen, gönnte sich der Audi RS e-tron GT 27,0 kWh/100 km – im Stadtverkehr waren es 22,6 kWh/100 km. Beim Laden profitiert der Audi von Porsches 800-Volt-Technik – und pumpt die Energiezellen mit bis zu 270 kW voller Strom. So ist die 93,4 kWh-Batterie in nur 23 Minuten von fünf auf 80 Prozent gefüllt. (Mit Material von Wolfgang Gomoll/press-inform)

Technische Daten Audi RS e-tron GT
Motor/Antrieb2 Elektromotoren / Allrad
Leistung/Drehmoment475 kW (646 PS) / 830 Nm
Vmax/0–100 km/h250 km/h / 3,3 s
Tank93,4 kWh
Basispreis138.200 Euro

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