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E-Autos im Lade-Stresstest: Das passiert, wenn Viele gleichzeitig laden

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Von: Marcus Efler

Das Stromnetz als Achillesferse der Elektromobilität? Ein Lade-Experiment zeigt, was passiert, wenn viele Haushalte einer Wohnanlage elektrisch fahren.

Stuttgart – Auf Stammtisch-Diskussionen zum Thema Elektroauto taucht sie so sicher auf wie die Debatte um ausgebeutete Bodenschätze für Akkus und diese Tesla-Typen, die aus Energiemangel mit Tempo 100 über die rechte Autobahn-Spur kriechen: die Frage nach der Belastbarkeit unseres Stromnetzes. Unter Garantie kennt jemand jemanden, der zusammen mit anderen Anwohnern die heimische Tiefgarage, ersatzweise die Stellplätze eines Reihenhaus-Neubaus, mit Wallboxen bestücken lassen wollte. Aber leider, leider habe der Strom-Versorger das wegen zu hoher Netz-Belastung abgelehnt. Jetzt müssen halt alle weiter Audi Q7 TDI fahren. Schade aber auch. (Elektroautos und kein Zurück: EU macht Schluss mit Verbrennern ab 2035)

E-Autos im Lade-Stresstest: Das passiert, wenn Viele gleichzeitig laden

Tatsächlich herrscht in der Elektro-Branche, vor allem unter den Anbietern der „letzten Meile“ direkt zum Grundstück, eine gewisse Skepsis, was die Belastung des Netzes durch nachts ladende Akku-Mobile betrifft. Wenn man die maximale Leistungsaufnahme sämtlicher Ladepunkte aufaddiert, kommt ja auch schnell ein heftiger Wert zusammen. Aber wie realistisch ist das Szenario einer Netz-Überlastung, die schlimmstenfalls die Kühlschränke eines ganzen Wohnviertels ausfallen lassen würde? (Wallbox abgreifen auch ohne E-Auto? Das geht, hat aber Folgen für andere)

Tiefgarage mit ladenden E-Autos
Experiment läuft, Strom auch: die Tiefgarage in Tamm © Netze BW

E-Autos im Lade-Stresstest: Wenn plötzlich alle Anwohner elektrisch fahren

Doch grau ist alle Theorie, dachte sich offenbar der Stuttgarter Energie- und Wasserversorger Netze BW. Das müsste man eigentlich mal ausprobieren. Und genau das tat die neugierige Tochter des großen Strom-Anbieters EnBW. Und stellte allen Nutzern einer mit immerhin 58 Wallboxen ausgestatteten Garage Elektroautos hin. 45 VW e-Golf und BMW i3 wurden leihweise überlassen, 13 Haushalte der Wohnanlage bei Tamm in Baden-Württemberg besaßen ohnehin schon ein Elektroauto. Jeder konnte laden, wann und wie viel er wollte. Und das ausnahmsweise auch noch gratis. (Elektroautos: Kosten der ersten drei Monate entscheiden)

E-Autos im Lade-Stresstest: Das Maximum wurde nicht annähernd erreicht

Das Ergebnis verblüfft sogar Optimisten der Elektromobilität: Im Laufe von 16 Monaten luden maximal 13 Autos gleichzeitig. Die verfügbare Maximal-Leistung von 124 Kilowatt wurde dabei nicht ein einziges Mal abgerufen: Die Power-Spitze lag mit knapp 98 kW klar darunter. Der sogenannte „Gleichzeitigkeitsfaktor“, also das entscheidende Verhältnis von Ladevorgängen und -punkten, lag mit 0,22 deutlich niedriger, als man erwarten könnte. Durchschnittlich luden nicht mal fünf Akku-Autos gleichzeitig. Es war also in jeder Beziehung noch Luft nach oben. (Elektroauto mit besonderem Duft: Was hat sich Ford dabei bloß gedacht?)

E-Autos im Lade-Stresstest: Ein Killer-Argument gegen Elektroautos weniger

Dabei hielten sich die Versuchs-Stromer nicht mal besonders zurück, sondern fuhren mit durchschnittlich jeweils 1.100 Kilometern monatlich eine ganz normale Distanz – die sogar deutlich über der durchschnittlichen Fahrleistung aller Autos in Baden-Württemberg lag. Zugegebenermaßen ist die Kapazität der Anlage in Tamm ebenfalls überdurchschnittlich groß. Doch bis es so weit ist, dass alle oder auch nur die meisten Bewohner eines Viertels wirklich elektrisch fahren, wird der Netzausbau ebenso Fortschritte machen wie die Akku-Technik. Seinen Schrecken als Killer-Argument gegen die Elektromobilität hat die Netz-Infrastruktur mit diesem Experiment jedenfalls verloren.

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