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Mercedes Vision EQXX auf Reichweiten-Jagd: 1000 elektrische Kilometer

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Von: Marcus Efler

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Mit enormem Aufwand schickte Mercedes den Prototypen seiner nächsten elektrischen Kompaktklasse auf Erprobungstour. Das Ziel: Nie wieder Reichweitenangst.

Sindelfingen – „Ich liebe dieses Auto heiß und innig“, strahlt Julien Pillas und lässt den Mercedes Vision EQXX bergab rollen. „Sehen Sie, wie die Geschwindigkeit zunimmt“, sagt der Antriebs-Ingenieur und zeigt auf das digitale 47,5 Zoll breite Display vor ihm, auf dem die digitale Zahl immer mehr größer wird. In der Tat ist der elegante Prototyp leichtfüßig unterwegs. Das liegt auch an den rollwiderstandsarmen Reifen, einer Spezialentwicklung von Bridgestone.

Noch wichtiger ist die Aerodynamik: Der Mercedes Vision EQXX erreicht einen cW-Wert von 0,17, unterbietet damit solche extremen Zigarren wie den VW XL1 von 2014 um 0,02 Punkte und ist lässt sich dabei noch völlig entspannt bewegen. Kaum drückt Julien Pillas auf das Fahrpedal, lässt er andere Autos stehen wie Statisten. Und das mit vergleichsweise moderaten 180 kW/245 PS und einem Gewicht von 1.755 Kilogramm.

Mercedes Vision EQXX auf Reichweiten-Jagd: 1000 elektrische Kilometer

Immerhin kommt der Mercedes Vision EQXX ohne vollverkleidete Hinterräder aus. Ganz wichtig ist dafür der ausfahrbare Heck-Diffusor, denn der bringt auf der Autobahn 0.01 cW-Punkte, verschwindet in der Stadt und kann so nicht beschädigt werden. Allerdings wächst der cw-Wert dann auf 0,18. Und jeder Punkt zählt: Rund zwei Drittel der Energie ist nötig, um den Luftwiderstand zu überwinden.

Mercedes Vision EQXX, fahrend
Elektrischer Silberpfeil: Der Mercedes Vision EQXX. © Mercedes-Benz AG

Schließlich soll der Mercedes Vision EQXX 1.000 Kilometer mit einer Batterieladung schaffen – und zu Reichweiten-Kings wie dem Lucid Air aufschließen. Ein ambitioniertes Ziel. Aber schließlich bieten die 100-Kilowattstunden-Akkus mit 900 Volt Spannung einen Blick in die Zukunft der Mercedes-Elektromobilität. Sie sind nur halb so groß und mit 495 Kilo gut 200 Kilo leichter als die des Mercedes EQS. Die Batterie ist so effizient, dass der Fahrtwind für die Kühlung reicht. Ebenso reichen 100 Kilowatt Ladeleistung, um sie in 15 Minuten für 300 Kilometer aufzufüllen.

Mercedes Vision EQXX auf Reichweiten-Jagd: Der Wind darf nicht helfen

So weit die Theorie. Ob der Mercedes Vision EQXX auch in der Realität weniger als 10 kWh/100 km braucht, musste ein Praxistest beweisen. Immerhin entspricht das beim Verbrennungsmotor einem Ein-Liter-Verbrauch. „Der EQXX ist kein Verzichtsauto“, stellt Eva Greiner, Chefingenieurin der elektrischen Antriebsstränge bei Mercedes, klar. Um das zu beweisen, sollte der E-Prototyp von Sindelfingen nach Cassis in Südfrankreich fahren. Und zwar nicht durch das Rhônetal, wo eventuell der Mistral-Wind hilft, sondern wie üblich über die Schweiz und Mailand. Mercedes-typisch wurde das Unternehmen generalstabsmäßig geplant, die Route mehrmals abgefahren und vermessen. Damit auch alles glatt lief, richteten die Techniker in Sindelfingen eine Mission Control ein, die ständig Kontakt mit dem Auto hält und Anweisungen gibt. Klingt nach Apollo-Mission.

Mercedes Vision EQXX, fahrend
Aerodynamisch optimiert: Der Mercedes Vision EQXX. © Mercedes-Benz AG

Wie auch der technische Aufwand. Schließlich ist der Mercedes Vision EQXX ein Vorbote der elektrischen Kompaktklassen-Generation, die 2024 auf den Markt kommt. Die Daten und die Erfahrung aus diesem Tagestrip sind also wichtig. Drei Simulationen liefen parallel zur Fahrt: Ein reiner Software-Simulator wurde mit allen relevanten Daten gefüttert, zum Beispiel der Topografie der Strecke, und beim Start der Fahrt aktiviert. Allerdings rechnete der Computer 1,8 Mal so schnell, wie das echte Auto fuhr, und war ihm entsprechend voraus. Außerdem liefen die Antriebskomponenten im Verbund mit, aber in einem Mercedes EQB.

Mercedes Vision EQXX auf Reichweiten-Jagd: Schlechtes Wetter erhöht den Verbrauch

Schließlich war es so weit. „Das war das erste Mal, dass das Auto auf öffentlichen Straßen unterwegs war“ erinnert sich Julien Pillas, einer von drei Fahrern, die sich die Route mit jeweils einem Beifahrer aufteilten und den EQXX in- und auswendig kennen. Doch die Bedingungen bei der Abfahrt um sieben Uhr morgens waren alles andere als gut: Das Thermometer zeigte gerade mal drei Grad plus an und es regnete, was den Luftwiderstand erhöhte. „Ein Grad weniger und wir hätten die Sache abblasen müssen. Wir hatten in Deutschland nur Regen und Gegenwind“, erinnert sich Eva Greiner.

Die Rollenaufteilung im Auto war klar definiert. Der Fahrer blieb hoch konzentriert, während der Beifahrer mit der Mission Control kommunizierte. Die Vorgabe lautete, so schnell wie erlaubt zu fahren, allerdings war der EQXX bei 140 km/h abgeregelt. Bis zum Gotthard Tunnel sorgten schlechtes Wetter und die Bergauf-Strecken für einen Verbrauch jenseits der 10 kWh/100 km, und schickten die Bilanz ins Minus.

Mercedes Vision EQXX auf Reichweiten-Jagd: Der Wandler fällt aus

Zu allem Übel hatte sich auch noch der DC/DC-Wandler (DC = Gleichstrom) verabschiedet, der das 12-Volt-Bordnetz mit Energie aus der großen Batterie speist. Was tun? Wenn die kleine Batterie leer war, ging nichts mehr. „Gott sei Dank hatten wir so einen Fall schon mal, und wir konnten dem Piloten sagen, was zu tun war“, lächelt Eva Greiner. An einer Ampel klappte die Wiederbelebung im zweiten Versuch.

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Nach dem Passieren der großen Röhre südlich des Alpenhauptkamms hellten sich das Wetter und die Mienen auf. In Mailand wurde dann „Bergfest“ gefeiert: noch rund 500 Kilometer zu fahren, keine großen Steigungen voraus – und noch mehr als 500 Kilometer Reichweite. „Einmal hieß es: Fahr 120 km/h und kurz danach: Lass laufen, wir haben das durchgerechnet. Das bedeutete auf französischen Autobahnen Tempo 130“, erinnert sich Julien Pillas. Die Sonne im Süden Europas strahlte so hell auf das Solardach des Mercedes, dass dieses so viel Strom generierte und man den anfälligen Wandler sogar ausschalten konnte.

Mercedes Vision EQXX auf Reichweiten-Jagd: Mission erfüllt

Nach gut zwölf Stunden Fahrzeit und einer Strecke von 1.008 Kilometern erreichte der elektrische Silberpfeil um 19:02 Uhr Cassis. Der begleitende TÜV-Ingenieur, der zu Beginn der Fahrt die Tankklappe versiegelt hatte, attestierte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 87,4 km/h, einen Verbrauch von 8,7 kWh/100 km und eine Restreichweite von mehr als 140 Kilometern. Die Mission war also ein voller Erfolg. Nun muss nur noch die Serienversion anrollen und das Thema Reichweite ein für alle Mal erledigen. (Wolfgang Gomoll/press-inform)

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