Abrechnung mit Qualitätsmängeln

Fertigungsexperte nimmt Elon Musk ins Verhör – Tesla-CEO gibt unumwunden zu: „Kritik war berechtigt“

  • Sebastian Oppenheimer
    vonSebastian Oppenheimer
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Fertigungsexperte Sandy Munro ging hart mit dem Tesla Model 3 ins Gericht. Nun gelang es ihm Tesla-CEO Elon Musk persönlich dazu zu befragen – er entlockte ihm ein Geständnis.

Brownsville (Texas) – Von Sandy Munro haben hierzulande wohl nur die wenigsten Autofans etwas gehört. Bei dem Mann im fortgeschrittenen Alter handelt es sich um einen auf Fertigung spezialisierten Automobilingenieur, der gleichzeitig Inhaber der Beratungsfirma Munro & Associates ist. Zudem betreibt der US-Amerikaner den YouTube-Kanal „Munro Live“, auf dem er sich fast ausschließlich mit dem Thema Tesla beschäftigt. Kürzlich hatte er in einem Video ein brandneues Tesla Model 3 unter die Lupe genommen und war mit dessen Verarbeitungsqualität alles andere als zufrieden. „Ich verstehe nicht, warum es immer noch solche Fertigungsfehler gibt“, hatte er im Bezug auf die üblen Spaltmaße auf der Beifahrerseite gesagt. „Das ist nicht akzeptabel!“ Nun hatte Sandy Munro die Chance, diese Frage dem Verantwortlichen für die Probleme zu stellen – Tesla-Chef Elon Musk (49) erschien am SpaceX-Standort in Brownsville (Texas) zum Video-Interview.

Fertigungsexperte nimmt Elon Musk ins Verhör – Tesla-CEO gibt unumwunden zu: „Kritik war berechtigt“

Tatsächlich ist es die erste Frage, die Sandy Munro in seinem Video-Interview, das es hier zu sehen gibt, an den Tesla-Chef richtet: „Wie kann das sein?“ Elon Musk antwortet verblüffend ehrlich: „Ich glaube, Ihre Kritik war berechtigt.“ Ob er das nur auf das jüngste Video bezieht oder etwa auch auf ein schon einige Jahre zurückliegendes, in dem Sandy Munro die katastrophale Fertigungsqualität eines frühen Tesla Model 3 mit einem Kia aus den 1990er-Jahren verglichen hatte, wird nicht ganz klar. Jedenfalls habe man eine ganze Weile gebraucht, um die Probleme im Produktionsprozess auszubügeln, erklärt Elon Musk. Besonders während des Anlaufs sei es schwierig, alle Details gut hinzubekommen. (Seltsames Tesla-Lenkrad: Touch-Knopf statt Blinkerhebel – kann das gut gehen?)

Tesla-CEO Elon Musk hat in einem Interview mit dem Fertigungsexperten Sandy Munro interessante Einblicke gegeben.

Fertigungsexperte verhört Elon Musk – um Qualität nicht immer zum Besten bestellt

Doch Sandy Munro lässt in dieser Frage nicht locker. Schließlich ist der Produktionsanlauf des Tesla Model 3 zum einen schon länger her, zum anderen hat er sich schon mit vielen anderen Tesla-Besitzern getroffen – und dabei eklatante Unterschiede festgestellt: Und zwar zwischen seinem (problematischen) 2021er-Modell und einem weiteren Model 3, das nur einen Monat später gebaut wurde und keinerlei Verarbeitungsprobleme aufweise. So richtig scheint Elon Musk dafür keine tiefere Erklärung zu haben, behauptet aber jedenfalls, dass man zuletzt in der Produktion einiges verbessert habe. Seine Zusammenfassung der Schwierigkeiten: „Fertigung ist die Hölle.“ Irgendwie hat man das doch schon mal von ihm gehört ...

Implizit gibt Elon Musk sogar einen Tipp, wann es am günstigsten ist, einen Tesla zu kaufen. Die wohl beste Qualität wiesen zum einen die ganz frühen Produktionsautos auf sowie jene Fahrzeuge, die vom Band laufen, nachdem die Produktion komplett hochgefahren sei. Leider wird Tesla dies wohl nicht im Internet bekanntgeben, weswegen potenzielle Kunden diesen Zeitraum nur grob schätzen können. Generell sollte aber ein Autokäufer, der einige Zehntausend Euro für ein Fahrzeug ausgibt, eine gleichbleibend gute Qualität erwarten können. Dass um die Qualität der Tesla-Fahrzeuge nicht immer zum Besten bestellt ist, zeigt ein Beispiel aus den Niederlanden: Hier will ein Taxifunternehmen, das eine größere Tesla-Flotte betreibt, den kalifornischen Hersteller wegen der massiven Probleme mit den Fahrzeugen sowie dem Service auf eine hohe Entschädigungssumme verklagen.

Automobilexperte Sandy Munro nahm kürzlich ein nagelneues Tesla Model 3 unter die Lupe – und übte harte Kritik.

Fertigungsexperte verhört Elon Musk – „Auto transportiert Zellen wie Sack Kartoffeln“

Auch das restliche Interview, das insgesamt knapp 50 Minuten dauert, ist sehenswert – zumindest wenn man sich für tiefergehende Diskussionen zum Thema Automobilbau interessiert. Dabei geht es unter anderem um die Vorteile von „Karosseriebauteilen aus einem Stück“ im Gegensatz zu vielen auf verschiedene Arten verbundene Karosseriebauteile. Außerdem erläutert Elon Musk seine Pläne, die Batterien zu Strukturelementen für das Fahrzeug zu machen. „Aktuell transportiert ein Auto die Zellen wie einen Sack Kartoffeln“, erklärt der Tesla-Chef. „Sie haben eigentlich einen negativen strukturellen Wert.“ Das will der 49-Jährige in Zukunft ändern. (Gravierende Sicherheitsmängel: Tesla muss 135.000 E-Autos zurückrufen – Schuld sind die Bordcomputer)

Ob er es per Twitter verkünden wird, wenn es so weit ist? Das steht aktuell in den Sternen. Denn wie Elon Musk nun mitteilte, will er sich erst mal eine Auszeit von Twitter nehmen, wie er in einem Tweet mitteilte: „Off Twitter for a while“ (dt.: „Eine Weile nicht auf Twitter“). Zuletzt hatte der Tesla-Chef mit seinen Äußerungen auf der Plattform für reichlich Wirbel gesorgt und zwei Firmen an der Börse auf Höhenflug geschickt. Aber die Aussage „eine Weile“ ist ja nun ziemlich dehnbar – und vermutlich ist der 49-Jährige schneller wieder an der Smartphone-Tastatur, als man glaubt.

Rubriklistenbild: © YouTube (Munro Live)

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