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„Sensify“: Bremsen per Elektronik – das passiert bei einem Stromausfall

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Von: Sebastian Oppenheimer

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Hydraulik war gestern. In Zukunft bremst das Auto elektronisch. Entwickelt hat das Brake-by-Wire-System der italienische Bremsen-Spezialist Brembo.

Mailand – Seinen Bremsen vertraut der Autofahrer gewöhnlich blind. Das hydraulische System gilt als langlebig und sicher. Besonders, nachdem das Antiblockiersystem (ABS) und das Elektronische Stabilitätssystem (ESP) Ende des vorigen Jahrhunderts nach und nach Einzug gehalten haben. Die Verzögerungen moderner Bremsen erreichen Bestwerte, qualmendes Gummi und ausbrechende Hecks gibt es nur noch in Filmen.

Doch das Bessere ist bekanntlich des Guten Feind. Dies zumindest sagten sich die Ingenieure des italienischen Spezialisten Brembo und entwickelten das neue Bremssystem Sensify. Bei ihm gibt es zwischen Pedal und Rädern keine Hydraulikleitung mehr, sie werden verdrängt von Elektronik. In Fachkreisen heißt dieses System Brake-by-Wire (Bremsen per Kabel). (Studie enthüllt: Autofahrer nutzen neue Technik nicht – aber warum?)

Fahraufnahme eines Tesla Model 3
Dieses Tesla Model 3 hat keine hydraulische Bremsleitung mehr zwischen Pedal und Rädern – ausgelöst wird per Elektronik. © Brembo

„Sensify“: Bremsen per Elektronik – das passiert bei einem Stromausfall

Schon in weniger als drei Jahren, so verspricht es jedenfalls Brembo-Boss Daniele Schillaci, soll das erste Serienauto mit Sensify auf der Straße sein. Um welche Marke es sich handelt, das behalten die Italiener für sich. Infrage kämen diverse Autobauer, sowohl die etablierten Premiummarken aus Deutschland als auch chinesische E-Auto-Start-ups, wie zum Beispiel Nio. Zeitlich passen würde das kalifornische Unternehmen Tesla. Deren Business-Limousine Model S steht vor ihrer Ablösung. (Porsche plant Service-Revolution: Autos sollen Probleme frühzeitig erkennen)

„Sensify“: Bremsen per Elektronik – ABS-Vibrationen sind Geschichte

Zwei Tesla Model 3 sind es auch, die Brembo für Demonstrationszwecke mit Brake-by-Wire ausgerüstet hat. Man will zum einen zeigen, wie Sensify funktioniert, vor allem aber, wie es sich anfühlt. Der Tritt ins Pedal, bei dem der Fuß keinen hydraulischen Druck mehr aufbaut, sondern nur noch einen elektronischen Befehl an die Räder schickt, sorgt schnell für verblüffte Gesichter. Statt des lauten Vibrierens, das bei einer Vollbremsung gewöhnlich durch die ABS-Regelung hervorgerufen wird, herrscht absolute Ruhe im Bremssystem. Ein neues Gefühl. Der Wagen verzögert gleichmäßig, weich, stabil und trotzdem stärker als mit konventionellen Bremsen. Noch ausgeprägter zeigt sich das Ganze auf glattem Untergrund (Schnee-Simulation). Auch hier kein ABS-Rattern, kein Ausbrechen, kein instabiles Verhalten. Selbst bei Vollbremsung in einer Kurve hält der Tesla stoisch seine Spur, das System regelt extrem schnell und feinfühlig. (Diebe klauen Autos für über 200.000 Euro – mithilfe eines „Game Boy“)

Blick ins Cockpit eines Brembo-Testfahrzeugs mit viel Elektronik und Kabeln
Noch ist das Brake-by-wire-System von Brembo in der Testphase – doch schon bald soll es in einem Serienauto eingesetzt werden. © Brembo

„Sensify“: Bremsen per Elektronik – Redundanz für permanente Funktion

Bei vielen Autofahrern dürfte dennoch ein mulmiges Gefühl bleiben. Was passiert, sollte einmal der Strom ausfallen? Bremst ein Fahrzeug dann trotzdem noch sicher bis zum Stillstand ab? „Es sind grundsätzlich zwei Batterien an Bord“, sagt Brembo-Chef Daniele Schillaci, „die Redundanz ist sogar höher als bei einem konventionellen Bremssystem.“

Sensify kommt – zumindest bei kleinen Fahrzeugen – komplett ohne hydraulische Bremsleitungen aus. Bei größeren und schwereren Autos werden allerdings nur die Hinterräder per Elektromotor gebremst. Vorne ist die Bremskraft zu stark. Damit wären auch die elektrischen Stellmotoren am Bremssattel zu groß – und damit das Ganze zu schwer. Um die sogenannten ungefederten Massen klein zu halten, lagerten die Brembo-Ingenieure die beiden E-Motoren (Aktuatoren) aus, positionierten sie dennoch nah am Rad. Die Verbindung zum Bremssattel besteht dann lediglich noch aus einem kurzen Stück Hydraulikleitung.

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Fahraufnahme eines Tesla Model 3 mit Sensify-Technik
Zwei Batterien sollen sicherstellen, dass die Bremse auch bei Stromausfall funktioniert. © Brembo

„Sensify“: Bremsen per Elektronik – Bremsverhalten lässt sich konfigurieren

„Die Elektronik ist mit einer Reaktionszeit von 100 Millisekunden drei- bis fünfmal schneller als die Hydraulik“, sagt Schillaci, „wir können bei 120 km/h allein durch die schnellere Reaktion elf Meter Anhalteweg gewinnen.“ Wer möchte, kann sich das Bremsverhalten sogar nach eigenem Gusto konfigurieren, ähnlich wie heute die Fahrpedalkennung und Lenkung über den Fahrmodus-Schalter. Zur Auswahl stehen sollen später die Modi Soft, Normal und Sport.

Neben dem höheren Bremskomfort hilft Sensify auch, Energie zu sparen. E-Autos würden entsprechend Reichweite gewinnen. Denn die präzise elektronische Steuerung verhindert, dass die Beläge, wie sonst üblich, an den Bremsscheiben schleifen, wenn auch nur ganz leicht. Um zwei bis drei Prozent ließe sich damit laut Brembo die Reichweite erhöhen. Zudem würde weniger Bremsstaub in die Umwelt gepustet.

„Sensify“: Bremsen per Elektronik – mittelfristiger Fokus auf autonomem Fahren

Die Designer und Konstrukteure der Autohersteller reiben sich bereits die Hände. Ihnen bietet Sensify neue Freiräume, denn die Systemkomponenten sind wesentlich kleiner als die herkömmlichen und können an nahezu beliebigen Stellen platziert werden. Vorteile sieht Brembo-Vertriebschef Uwe Hein auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. „Brake-by-Wire braucht ja nicht zwingend ein Fußpedal, eine Art Joystick würde sich fürs Bremsen genauso gut eignen.“ Mittelfristig im Fokus hat Brembo das autonome Fahren. Denn Level-5-Fahrzeuge – ohne Lenkrad, ohne Fahrer und damit auch ohne Pedale – seien geradezu prädestiniert für die Brake-by-Wire-Elektronik. (Von Michael Specht/SP-X)

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