Branche in heller Aufregung

Deutsche Autoindustrie befürchtet Verbrenner-Aus 2025: „Arbeitslosigkeit, wie wir sie noch nie gehabt haben“

  • Christian Schulz
    vonChristian Schulz
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Die deutsche Autoindustrie befürchtet wegen scharfer EU-Abgas-Grenzwerte das Aus für Verbrennungsmotoren. Nicht in ferner Zukunft – sondern ab 2025. Grund ist die Euro-7-Norm.

Update vom 1. März 2021, 12:04 Uhr: Während BMW-Boss Oliver Zipse sich angriffslustig gibt – und eine direkte Kampfansage an Elon Musk und dessen E-Auto-Marktführer Tesla mit zahlreichen Ankündigungen zur Transformation des bayerischen Autoherstellers verknüpft – klingt der Betriebsratschef des Münchner Auto-Giganten geradezu alarmistisch: Manfred Schoch hat weniger die Zukunft – sondern vielmehr die Gegenwart im Sinn. Er warnt eindringlich vor dem Verlust unzähliger Arbeitsplätze durch ein EU-weites Verbot von Benzin- und Dieselautos ab 2025 – und greift dabei zu drastischen Worten. „Wir werden eine Arbeitslosigkeit erleben, wie wir sie noch nie gehabt haben. Wenn die Politiker hier den Hebel umlegen, wird es zappenduster in Deutschland.“ (Apple iCar soll 120.000 Euro kosten – sieht so das Ende der deutschen Autoindustrie aus?)

Die Gefahren durch den Klimawandel und das Wohl des Planeten interessieren Manfred Schoch deutlich weniger als die mittelfristige Bewahrung des Wohlstandsniveaus der von ihm vertretenen Arbeitnehmer. Schoch befürchtet massive Jobverluste: Er habe regelrecht Angst, dass Berlin und Brüssel nur noch das Thema Klimaschutz sehen. Die Folgen für herkömmliche Arbeitsplätze, deutschen Wohlstand und individuelle Mobilität würden ausgeblendet. „Ich warne die Politik, das Thema Klima eindimensional anzugehen und mit dem Wohlstand in Deutschland zu pokern“, so der BMW-Betriebsratschef. (Tesla-Boss Elon Musk in Sorge: Verhindern Eidechse und Natter die Gigafactory Berlin-Brandenburg?)

Die von der EU-Kommission geplante Euro-7-Norm sei de facto ein Verbot des Verbrenners. Dann wären für Manfred Schoch nicht nur viele Zulieferbetriebe weg vom Fenster: „Das würde einen Rums geben, was Arbeitsplätze anbelangt, wie es Deutschland noch nicht gesehen hat.“ Schließlich seien rund fünf Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der bestehenden Autoindustrie abhängig. „Was ich in Brüssel erlebe, ist nur verbieten, verbieten, verbieten“, wütet der BMW-Betriebsrats-Boss, dem viele Klimapolitiker und- aktivisten unterstellen, rückwärtsgewandt zu sein. Die Volksrepublik China hingegen halte sich nicht mit derlei Dingen auf – sondern mache vorbildliche Industriepolitik und investiere massiv in neue Technologien. (Daimler-Fiasko: China-SUV wird zum bitteren Mega-Flop – Insider sprechen von „Desaster“) (Mit Material der dpa)

Deutsche Autoindustrie fürchtet Verbrenner-Aus 2025: „Arbeitslosigkeit, wie wir sie noch nie gehabt haben“

Update vom 18. November 2020, 17:35 Uhr: Eine neue Milliardenspritze des Bundes soll die deutsche Autoindustrie durch die Corona-Krise tragen und den Wandel zu klimaschonenderen Fahrzeugen beschleunigen. Jeweils eine Milliarde Euro sind demnach für drei Kernpunkte vorgesehen:

  • Die Innovationsprämie wird als erhöhter Kaufanreiz für Elektroautos bis Ende 2025 verlängert.
  • Ein Abwrackprogramm soll einen Austausch alter Lkw gegen sauberere Laster fördern.
  • Ein "Zukunftsfonds Automobilindustrie" soll den Wandel des zentralen Industriezweigs unterstützen.

Erstmeldung vom 17. September 2020, 16:19 Uhr: Berlin – „Mit Einführung der geplanten Euro-7-Norm wird die EU-Kommission Autos mit Verbrennungsmotor ab 2025 de facto verbieten.“ Ein Satz, der nachhallt im Land der Verbrenner-Spezialisten. Er stammt von der Chefin des Verbandes der Automobilindustrie VDA, Hildegard Müller. Die deutsche Schlüsselindustrie schlechthin zittert vor Brüssel.

Denn um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens einhalten zu können, möchte die Europäische Union ihre CO2-Grenzwerte für Autos und Vans verschärfen. Auf Basis einer Studie im Auftrag der EU-Kommission sollen die Schadstoff-Grenzwerte einer neuen Euro-7-Abgasnorm festgelegt werden. Und dieser Vorsatz hat es in sich: Besagte Studie legt der Kommission wesentlich strengere Regeln nahe, als in der bisherigen Abgasnorm Euro 6 gelten. (Emissionen beim Auto: CO2-Ausstoß, Feinstaub, Nox – Auswirkungen und Grenzwerte)

Ein Elektroauto hängt am Kabel – die Lade-Infrastruktur ist in der Debatte um ein Ende des Verbrennungsmotors entscheidend.

Aus für Verbrennungsmotor schon 2025? Deutsche Autoindustrie hat massive Befürchtungen

Für Branchenlobbyistin Hildegard Müller vom VDA liegt die Europäische Kommission gänzlich falsch: „Die Kommission will vorschreiben, dass Fahrzeuge künftig in jeder Fahrsituation emissionsfrei bleiben müssen – sei es mit Anhänger am Berg oder im Stadtverkehr. Das ist technisch unmöglich. Und das wissen auch alle.“ Die geplanten Verschärfungen kämen einem völligen Verbot von Autos mit Verbrennungsmotoren gleich. „Statt eines Verbotes brauchen wir Investitionen in E-Fuels und Brennstoffzelle. Nicht der Verbrenner ist das Problem, sondern der Kraftstoff“, kritisiert Müller. (VW-Elektroauto-Paradies auf griechischer Insel – wieso nicht bei uns?)

Die EU setze den Schwerpunkt auf Elektromobilität – dies allerdings ohne den Blick fürs Ganze: „Bislang fehlt es aber an ausreichender Ladeinfrastruktur für all die E-Autos – und zwar in ganz Europa“, meint Hildegard Müller. Für den Vorstandsvorsitzenden der Volkswagen AG ist der Wandel zur Elektromobilität beschlossene Sache: „Manche Länder diskutieren, ab wann nur noch emissionsfreie Fahrzeuge verkauft werden dürfen. Zulassungsbeschränkungen für Verbrenner oder Verbote dieses Antriebs werden die Frage beantworten, welche Autos Kunden noch kaufen können“, so VW-Boss Herbert Diess. (VW-Boss Herbert Diess im Golf 8 GTI – Kritik im Netz: „Aus der Zeit gefallen“)

VW-Chef Herbert Diess ist davon überzeugt, dass E-Mobilität „die einzige Möglichkeit ist“, die Klimaziele bis 2030 zu erreichen.

Aus für Verbrennungsmotor schon 2025? E-Mobilität hängt von Lade-Infrastruktur ab

Die deutsche Bundesregierung will die E-Mobilität weiter fördern. Aus diesem Grund setzt sie sich für eine Verlängerung der sogenannten „Innovationsprämie“ für Elektrofahrzeuge bis ins Jahr 2025 ein. Bisher gilt dieser zusätzliche Umweltbonus, der den Verkauf von E-Autos und Plug-in-Hybriden ankurbeln soll, nur bis Ende des Jahres 2021. (VW-Boss Herbert Diess ungewöhnlich selbstkritisch: „Da sind wir wirklich Anfänger“)

Seit dem Jahr 2020 wächst der Anteil elektrisch angetriebener Fahrzeuge bei den Neuzulassungen in Deutschland stark an. Doch erst 2032 dürfte nach einer jetzt veröffentlichten Prognose der Unternehmensberatung Deloitte ihr Marktanteil auf über 50 Prozent steigen. Das von der Bundesregierung ausgegebene Ziel von 10 Millionen neuen Elektroautos bis 2030 wird nach Meinung der Analysten dabei deutlich verfehlt werden.

BMW-Boss Oliver Zipse (l.) widerspricht dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (r.) in Sachen Verbrenner-Verbot deutlich.

BMW-Chef Oliver Zipse warnt vor einem Zulassungsverbot für Benzin- und Dieselautos, wie es der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ab 2035 vorschlägt: Es sei fraglich, ob es bis dahin genug Ladesäulen für Millionen E-Autos gebe und „Mobilität wirklich noch für alle Menschen erreichbar“ sein werde. Die Kaufprämien für Elektroautos funktionieren laut Zipse: „Das kann man gerne verlängern – aber jedes Fahrzeug braucht einen Stecker“. Daher müsse der Fokus von den Fahrzeugen auf den Ausbau der Lade-Infrastruktur verlagert werden. (BMW im Wandel: So elektrisierend sieht die Zukunft der Münchner aus)

Aus für Verbrennungsmotor schon 2025? Es betrifft auch die deutschen Autozulieferer

Für die Zulieferer in Deutschland sieht VW-Chef Herbert Diess große Chancen beim Thema Batterien – zeigt sich aber gleichzeitig enttäuscht. Volkswagen investiere Milliarden in den Aufbau einer Batteriezellfertigung mit dem schwedischen Start-up Northvolt: „Das wäre natürlich viel leichter mit Partnern aus der deutschen Automobilindustrie.(Hier fahren Herbert Diess und Elon Musk den neuen VW ID.3: „Keine Renn-Maschine“)

Der Chef des weltgrößten Autozulieferers Bosch, Volkmar Denner, hält schärfere EU-Abgaswerte für den falschen Weg. Für das Erreichen der Pariser Klimaziele brauche es „keine Verbotspolitik, sondern wir müssen schnellstmöglich die Schwächen der heutigen Regulierung beseitigen“, so Denner. Emissionen müssten endlich unter realen Fahrbedingungen und entlang der gesamten Wertschöpfungskette betrachtet werden. Aus Sicht von Bosch bestehe Anlass zur Sorge, „weil wir klimafreundliche Technologien von vornherein ausschließen und sehenden Auges in eine Zielverfehlung laufen“. Es würden sowohl Elektromobilität als auch alternative Kraftstoffe gebraucht. (Mit Material von dpa und SP-X)

Rubriklistenbild: © Julian Stratenschulte/dpa

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