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Tempolimit 120 auf Autobahn: Wie die Chancen dafür wirklich stehen

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Von: Marcus Efler

Ein „breites Bündnis“ fordert Tempo 120 auf der Autobahn. Tatsächlich sind es die üblichen Verdächtigen. Die entscheidende Meinung kommt jedoch aus einer anderen Ecke.

Hannover – Die Diskussionen um Tempobeschränkungen auf Straßen aller Arten sind fast so alt wie das Automobil selber. Um ein Limit auf deutschen Autobahnen brennt der Streit im Grunde seit gut 40 Jahren: Seit der Ölkrise zu Anfang der 1970er-Jahre gilt dort (und auf gut ausgebauten Bundesstraßen) 130 km/h. Allerdings nicht als überwachtes Limit, sondern als Richtgeschwindigkeit. Das kann bei einem Unfall zwar durchaus Auswirkungen auf die Schuldfrage haben, doch niemandem ist es verboten, mit 320 km/h über ein freies Stück Asphalt zu brettern. Damit ist Deutschland das einzige Land auf der Welt, auf dem so etwas auf öffentlichen Straßen erlaubt ist – eine ähnliche Regelung im US-Bundesstaat Montana wurde mittlerweile wieder einkassiert. (Tesla-Dashcam: Video rettet angeblichen Raser – vorm Polizeichef)

Tempolimit 120 auf Autobahn: Wie die Chancen dafür wirklich stehen

Nachdem die „freie Fahrt für freie Bürger“ in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich immer als Mehrheits-Position in der deutschen Gesellschaft galt, ändert sich seit einiger Zeit die Stimmung. Manche Umfragen sehen die Befürworter für ein striktes Tempo 130 – oder derer, die das zumindest nicht stören würde – mittlerweile in der Mehrheit. Vor der Bundestagswahl lässt sich über das Thema ebenfalls wieder trefflich streiten: Für ein Limit sind Grüne, SPD und Linke, Letztere sogar für 120 km/h. Die Union, die FDP und die AfD sind dagegen. (Wenn die Grünen die Bundestagswahl gewinnen: Das wären die Folgen für Autofahrer)

Verkehrsschild 120 km/h an Autobahn (Symbolbild)
Künftig nur noch 120 km/h? Das fordert jetzt ein Bündnis. (Symbolbild) © Carsten Rehder/dpa

Tempolimit auf Autobahn: 120 km/h sollen reichen

Trotzdem scheint die Beschränkung auf einmal greifbarer und wahrscheinlicher als je zuvor. Nun hat sich auch noch ein „breites Bündnis“, wie es sich selbst bezeichnet, die Forderung der Linken zu Eigen gemacht: „Wir als Deutsche Umwelthilfe fordern von einer neuen Bundesregierung im Rahmen ihres 100-Tage-Programms, also gleich für den Beginn, die Einführung eines Tempolimits von 120 auf Autobahnen“, heißt es etwa von der DUH und bei der Gelegenheit: „von Tempo 80 auf Außerorts-Straßen und von Tempo 30 in den Städten“. (Viele Autofahrer wissen es nicht: Wie schnell darf man eigentlich in Spielstraßen fahren?)

Tempolimit auf Autobahn: Die üblichen Verdächtigen fordern es

Auch die Gewerkschaft der Polizei Nordrhein-Westfalen unterstützt den neuesten Vorstoß. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Bündnis vor allem aus denen besteht, die sowieso schon immer für ein Tempolimit waren, etwa dem BUND für Umwelt und Naturschutz und dem ökologisch positionierten Verkehrsclub von Deutschland (VcD). Auch die Argumente sind bekannt: weniger CO2-Emissionen und Unfälle. So weit bekannt, so weit auch richtig. Dass dieser Vorstoß der üblichen Verdächtigen aber nun mehr bewirkt als frühere in der Vergangenheit, ist eher unwahrscheinlich. (Spanien führt Tempo 30 ein: Saftige Bußgelder drohen – auch Touristen)

Tempolimit auf Autobahn: ADAC hält sich aus Diskussion raus

Für eilige Autobahn-Reisende ist das allerdings kein Grund zur Entwarnung. Denn die eigentlich entscheidenden Stimmen sind die, die jetzt fehlen: Deutschlands größter Autoclub ADAC, früher immer zuverlässig mit Vollgas-Parolen zur Stelle, hält sich mittlerweile aus der Diskussion lieber raus – nur noch 45 Prozent seiner Mitglieder sind für freie Fahrt. Und auch ein anderer, bislang lautstarker Verfechter schweigt: Die deutsche Autoindustrie, die früher noch das Wohlergehen der gesamten deutschen Wirtschaft mit mindestens Tempo 250 km/h verknüpfte. So sieht Volkswagen-Chef Herbert Diess ein mögliches Tempolimit gelassen: „Wir verkaufen unsere Autos auf der ganzen Welt, auch in den Ländern mit Tempolimit. Insofern bedarf es keiner besonderen Vorbereitung“, sagte er in einem Interview mit dem „Handelsblatt“. (Fridays-Aktivistin Luisa Neubauer will billiges Benzin – was ist denn nun los?)

Tempolimit auf Autobahn: Kein Problem für VW und Co.

Markus Duesmann, Chef der VW-Tochter Audi, hatte sich schon vorher ähnlich geäußert. Die Modelle der ausländischen Konkurrenten wie Volvo oder Renault regeln sowieso schon freiwillig bei 180 km/h ab, die meisten Elektroautos aller Hersteller in ähnlichen Tempobereichen. Der Umstieg auf E-Mobilität bietet den Autokonzernen offenbar die Chance, sich würdevoll um den Kampf ums höchste Spitzentempo zu verabschieden. Die freie Fahrt und der Verbrennungsmotor: Dass beides fast gleichzeitig zu verschwinden scheint, ist kein Zufall.

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