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Chipmangel lähmt Autoindustrie: Deshalb fehlen wichtige Halbleiter-Bauteile

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Von: Christian Schulz

Der weltweite Mangel an Mikrochips und Halbleitern macht der Autoindustrie enorm zu schaffen. Vielerorts ruhen die Bänder. Die Hersteller ringen um die wichtigen Bauteile.

Wolfsburg – Mikroprozessoren sind derzeit ein knappes und daher äußerst umkämpftes Gut – insbesondere bei den Autoherstellern. Egal ob Volkswagen, Audi oder Ford, um nur einige zu nennen – bei zahlreichen Autobauern fallen aufgrund von Chipmangel jede Menge Schichten aus. Entweder weil die begehrten Chips einfach nicht aufzutreiben sind – oder verspätet in der Produktion eintreffen. (Chipmangel lähmt Auto-Industrie – werden die Lieferzeiten jetzt noch länger?)

Der ausbleibende Nachschub belastet die Autoindustrie zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Schließlich steckt sie mitten in einer umfassenden Transformation hin zur Elektromobilität und hat in der Corona-Krise erhebliche Umsatzverluste hinnehmen müssen. Jetzt wo die Nachfrage nach Autos wieder anzieht, fehlen die Chips – viel zu oft stehen die Bänder still. Der Mangel an Halbleitern sorgt dafür, dass Kunden länger auf Neuwagen warten müssen. Doch warum ist das so? (Tachonadel statt Digitalanzeige im Auto – darum kommt das Analog-Cockpit zurück)

Chipmangel lähmt Autoindustrie: Darum fehlen Herstellern wichtige Halbleiter-Bauteile

Probleme beim Nachschub von Elektronik-Chips zwingen Volkswagen zu weiteren unliebsamen Unterbrechungen der Autoproduktion am Stammsitz Wolfsburg. Hier ruht die Arbeit an zwei Montagelinien für die Modelle VW Tiguan, VW Touran und Seat Tarraco für mehrere Tage. „Volkswagen arbeitet eng mit den Lieferanten zusammen und steht im direkten Kontakt mit den Halbleiter-Herstellern“, erklärt ein Unternehmenssprecher: „Aber die Verknappung von Halbleiter-Kapazitäten verschärft sich weltweit.“ (Kommt das Verbrenner-Verbot? Mehrheit der Deutschen lehnt Grünen-Forderung ab)

Der VW-Konzern hatte bereits Anfang des Jahres Alarm geschlagen: Wegen des Chipmangels könnten möglicherweise mehr als 100.000 Fahrzeuge in diesem Jahr nicht gebaut werden, erklärte VW-Vertriebsvorstand Klaus Zellmer. Besonders betroffen sei die Produktion des VW Golf in Wolfsburg. Bei der Konzern-Tochter Audi und weiteren Herstellern kommt es zu ähnlichen Problemen. (Deutsche Autoindustrie fürchtet Verbrenner-Aus 2025: „Arbeitslosigkeit, wie wir sie noch nie gehabt haben“)

Mitarbeiter bei der Produktion eines VW Golf 8 im Volkswagen-Stammwerk Wolfsburg (Symbolbild)
Fehlende Chips bremsen die Autoindustrie aus – die Bänder stehen still. Auch bei der Produktion des VW Golf 8 in Wolfsburg. (Symbolbild) © Volkswagen AG/Kai-Uwe Knoth

Zumindest der bayerische Autobauer ist für das laufende Jahr 2021 „vorsichtig optimistisch“. Doch auch in Ingolstadt gibt es Vorbehalte in puncto Corona-Krise sowie bei der heiklen Versorgung mit den kostbaren Halbleitern – die zunehmend kostspieliger werden. Und natürlich immer schwerer zu beschaffen sind. Audi-Vorstandschef Markus Duesmann gibt zu, dass die Lieferketten an mehreren Stellen gerissen sind: „Die negativen Effekte durch notwendige Umplanungen sind deutlich zu spüren.“ Im laufenden Quartal würden daher rund 10.000 Autos weniger gebaut. Allerdings sei er zuversichtlich, dass Audi die verminderten Stückzahlen im Jahresverlauf wieder aufholen werde. (VW Power Day: Volkswagen kopiert Tesla – sogar die Fabriken heißen wie bei Elon Musk)

Der Mangel an Halbleitern zwingt auch Ford zur Ausweitung der Kurzarbeit in Europa. Ein Sprecher des Konzerns sagte, dass es wegen der schwierigen Versorgungslage in Sachen Mikrochips im Kölner Fiesta-Werk, in den Fabriken in Craiova (Rumänien) und Valencia (Spanien) sowie im Werk Saarlouis, wo der Ford Focus gebaut wird, zu weiteren Kurzarbeitertagen kommen wird. An allen Standorten hatte bereits zuvor unfreiwillig die Autoproduktion geruht. „Die generelle Liefersituation und die Produktionsplanung bleiben angespannt“, so der Sprecher. Die fehlenden Halbleiter sorgten gerade dafür, dass die Produktion des Pick-ups Ford F-150 und des SUV Ford Edge für einige Wochen angehalten werden müsse. Dies betreffe leider Tausende Fahrzeuge. (Apple iCar soll 120.000 Euro kosten – sieht so das Ende der deutschen Autoindustrie aus?)

Chipmangel lähmt Autoindustrie: Erbittertes Ringen um die Halbleiter soll bis 2022 dauern

Die Lieferkrise bei Elektronik-Chips und weiteren wichtigen Halbleiter-Produkten dürfte zumindest nach Einschätzung von Volkswagen nicht so bald ausgestanden sein. „Die Versorgungsengpässe haben eine andere Dimension – sie sind derart extrem, dass es keine schnelle Lösung gibt“, erläutert VW-Einkaufsvorstand Murat Aksel und sagt der Automobilindustrie noch weitere Probleme voraus: „Diese Krise ist tiefer, breiter, nachhaltiger.“ Es werde über das gesamte Jahr 2021 Probleme geben – erst 2022 schimmere zarte Hoffnung am Horizont. Dann könne man mit neuen Kapazitäten auf Seiten der Chip-Hersteller rechnen. „Es wird eng bleiben“, so der VW-Mann angesichts der erbitterten Konkurrenz um die wenigen elektronischen Bauteile: „Wir befinden uns im Häuserkampf.“ Was das heißt, ist klar: Jeder gegen jeden – ohne Rücksicht auf Verluste. (BMW-Boss Oliver Zipse kündigt Elon Musk knallharten Kampf an: „Es wird nicht einfach für Tesla“)

Gründe für den weltweiten eklatanten Mangel an Halbleitern gibt es viele: Wegen des Handelskrieges zwischen den USA und China kaufen chinesische Hersteller wie Huawei und Xiaomi gerade die Märkte leer. Auch Computer- und Spielkonsolen-Hersteller sind hinter den Halbleitern her, weil die Corona-Pandemie ihnen einen Boom beschert hat, den sie kaum befriedigen können. Bei den Chip-Produzenten war die Nachfrage aus der Autoindustrie jahrelang gestiegen – dann brach sie in Folge der Corona-Krise dramatisch ein. Die Konsequenz der zwischenzeitlich abgesackten Nachfrage durch die Autobauer? Viele große Halbleiter-Hersteller fanden neue Abnehmer – aus IT, Unterhaltungselektronik oder Medizintechnik. Das Resultat: ein erheblicher Mangel in der Fahrzeugindustrie. (Bund fährt viel zu wenige E-Autos: Andreas Scheuers Verkehrsministerium liegt weit hinten)

Nun stehen die Autohersteller vor der Herausforderung, von der Chip-Branche überhaupt wieder als relevante Abnehmer wahrgenommen zu werden – für die es sich lohnt, neue Kapazitäten auszubauen oder bestehende Verträge mit anderen Kunden terminlich neu zu verhandeln. Beispiel gefällig? Alleine iPhone-Hersteller Apple verbraucht ungefähr so viele Mikroprozessoren wie die gesamte Autoindustrie zusammen. (Mit Material von dpa und AFP)

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