Infrastruktur für E-Autos

„Wo leben wir denn?“ Tankstellen gehen auf Regierung los

Eine Ladesäule der Mineralölkonzerns Shell.
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Zapfsäulen wie diese soll es künftig an allen Tankstellen geben.
  • Arne Roller
    vonArne Roller
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Der Ausbau der Infrastruktur geht jetzt im Imperativ weiter. Alle Tankstellen in Deutschland müssen künftig Ladesäulen für Elektrofahrzeuge anbieten. Die Einführung einer entsprechenden Versorgungsauflage hat die Bundesregierung nun im Rahmen des Corona-Hilfspakets beschlossen.

  • Neben Benzin und Diesel müssen alle deutschen Tankstellen künftig auch Strom für Elektroautos verkaufen
  • Die Einführung einer entsprechenden Versorgungsauflage ist beschlossene Sache
  • Die Details sind allerdings noch weitgehend unklar

Berlin – für Tankstellen sehen Experten schon seit längerem eine zentrale Rolle im Aufbau der E-Auto-Infrastruktur vor. Bislang ist die Errichtung allerdings freiwillig. Schnelle Säulen mit Ladeleistungen bis zu 100 kWh sind relativ teuer, füllen gängige E-Auto-Akkus aber im Idealfall in rund einer halben Stunde. Die deutlich günstigere Alternative sind normale AC-Ladesäulen, an denen man mehrere Stunden warten müsste. Solche Anlagen wären allenfalls in Städten sinnvoll, wo etwa Anwohner über Nacht laden könnten. Unklar ist auch, wer die Installation zahlen soll; in Frage kommen unter anderem Tankstellenpächter, Mineralölkonzerne oder die öffentiche Hand.

Gute Aussichten für E-Aurto-Fahrer: Schnelladesäulen sorgen für kurze Stops

Unabhängig von den neuen Beschlüssen hatte zuletzt der Mineralölkonzern Shell damit begonnen, Schnelladesäulen an seinen Tankstellen zu installieren. Gemeinsam mit dem Energieunternehmen EnBW wurden in Reutlingen und Neu-Ulm die ersten beiden der deutschlandweit 50 geplanten Anlagen mit je zwei Ladepunkten in Betrieb genommen. An den mit CCS- und Chademo-Anschlüssen versehenen Säulen steht eine Ladeleistung bis zu 300 kW zur Verfügung. E-Fahrzeuge mit geeigneter Ladetechnik können in drei bis vier Minuten Strom für 100 Kilometer Fahrt zapfen. Laden zwei Autos gleichzeitig, steigt die Dauer auf knapp zehn Minuten.

Der Zentralverband des Tankstellengewerbes e.V. (ZTG) reagiert auf Twitter schroff auf die Beschlüsse der Bundesregierung und sieht die unternehmerische Freiheit beschnitten: „Es wird sich zeigen, ob die Bundesregierung sämtliche Tankstellen in Deutschland verpflichten kann, Ladestationen für E-Autos anzubieten. Wo leben wir denn? Müssen Autohäuser demnächst auch zwangsweise Fahrräder anbieten? Oder Metzgermeister Gemüse?“

Tankstellen alleine reichen nicht für das Erreichen der Ziele

Bundesweit existieren aktuell rund 14.500 Tankstellen. Würden alle mit mindestens einem Ladepunkt ausgerüstet, würde die Zahl der öffentlichen Stecker für E-Autos von derzeit rund 30.000 auf rund 45.000 steigen. Von dem im Klimaschutzprogramm formulierten Ziel von einer Million Ladesäulen bis 2030 wäre man allerdings weiterhin entfernt. Die Bundesregierung plant daher parallel den intensiveren Aufbau öffentlichzugänglicher Ladeinfrastruktur, zum beispiel an folgende Orten:

  • Kitas
  • Krankenhäuser
  • Stadtteilzentren
  • Sportplätze

Zudem wird laut dem Koalitionspapier geprüft, ob die Errichtung von Schnellladesäulen als Dekarbonisierungsmaßnahme der Mineralölwirtschaft behandelt werden kann.

Mit Material von Holger Holzer (SP-X)

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