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Autobranche erhält eine Milliarde Euro Steuergeld – braucht sie wirklich so viel?

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Von: Marcus Efler

Eine Milliarde Euro macht die Bundesregierung für die Autobranche locker, damit sie den Wandel zur Elektromobilität schafft. Braucht sie wirklich so viel Geld?

Berlin – Unter einem Autogipfel bei der Bundeskanzlerin stellt man sich gemeinhin ganz großes Kino vor: Mächtige Bosse werden in ihren Limousinen mit verlängertem Radstand vorgefahren, parlieren bei Schnittchen und italienischen Kaffeespezialitäten mit der Bundesregierung über die Zukunft der Branche. Es geht um Technologien, Rahmenbedingungen und natürlich Geld, viel Geld. Beim gerade abgeschlossenen Gipfel passte dieses Klischee nicht so ganz: Erstens, weil es sich auch hier um eine eher glanzlose Video-Schalte handelte – bei der, zweitens, wichtige Autochefs wie Herbert Diess von Volkswagen oder Ola Källenius von Daimler gar nicht zugegen waren. (Diesel statt Elektro: Diese deutschen Bundesminister verursachen am meisten Dreck)

Autobranche kriegt eine Milliarde Euro – braucht sie so viel Geld vom Steuerzahler?

Die Interessen der Autoindustrie vertrat vor allem die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller. Die Dame dürfte zufrieden sein. Denn das mit dem Geld hat immerhin geklappt: Eine Milliarde Euro, so kündigte Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz an, werde die Branche bis 2025 für die Umstellung auf die neue, von Elektroantrieb und Software-Lösungen dominierte Mobilität erhalten. Allerdings ist dieser Zukunftsfonds gar nicht für die großen Hersteller gedacht, was im Wahljahr dem Steuerzahler wohl auch schwer vermittelbar gewesen wäre, sondern vor allem für mittelständische Zulieferer, von denen viele ebenfalls im VDA vertreten sind. (Audi nur noch elektrisch – das steckt hinter dem Verbrenner-Aus)

Autobranche kriegt eine Milliarde Euro – für Digitalisierung und neue Technologien

Der Fonds besteht aus drei ungefähr gleich schweren Teilen. Jeweils 340 Millionen Euro gibt es für Digitalisierungsprojekte und sogenannte Transfer-Gesamtkonzepte. Klingt kompliziert und ist es wahrscheinlich auch. Denn hier sollen sich quasi verschiedene Firmen in ihren Regionen vernetzen, um gemeinsam die Transformation zu bewältigen, sprich: zukunftsfähige Technologien zu entwickeln. Vorrangig geht es um die Bereiche autonomes Fahren, digitalisierte und nachhaltige Produktion und den Umstieg auf alternative Antriebe, für die Betriebe sich um die Fördermittel bewerben können. Was dabei konkret herauskommt, darf man wohl getrost als Wundertüte betrachten.

Olaf Scholz, sitzend in einem VW ID. Buzz (Symbolbild)
In Spendierlaune: Finanzminister Olaf Scholz (Symbolbild) © Julian Stratenschulte/dpa

Am konkretesten greifbar scheint der Zweck der dritten Geldspritze in Höhe von 320 Millionen Euro: Nämlich die „Stärkung nachhaltiger Wertschöpfungsketten der Mobilität der Zukunft“, wie es offiziell heißt. Das bedeutet: Zulieferer, die bislang vor allem Teile für Verbrennungsmotoren oder Getriebe herstellen, sollen nach der von der EU beschlossene Wende auf emissionsfreie Autos fit fürs Elektro-Zeitalter gemacht werden. Es geht dabei weniger um die ganz großen Player wie Bosch, denen man den Umstieg natürlich aus eigener Kraft zutraut, sondern um mittelständische Betriebe, die auf wenige Bauteile fokussiert sind, für die es in der Stromer-Ära keine Verwendung mehr geben wird. (Eine Million Elektroautos: Regierung jubelt – aber verschweigt wichtiges Detail)

Autobranche kriegt eine Milliarde Euro – um Fördergeld muss man sich bewerben

„Es gibt 70 Cluster [räumliche Konzentration vernetzter Firmen; Anm. d. Red.] in Deutschland, von denen 20 bis 30 potenzielle Problemfälle sind“, erklärt Jens Südekum von der Universität Düsseldorf, Co-Vorsitzender eines Experten-Gremiums des Autogipfels, dem Handelsblatt: „Sie sind geprägt von vielen kleinen Zulieferern, die bisher stark auf die Verbrennertechnologie fokussiert sind und noch keine Strategie für die Zukunft entwickelt haben.“ Von der Förderung abhängig sind beispielsweise Betriebe im Saarland, wo Ford im Werk Saarlouis den klassischen Kompaktwagen Focus baut. Auch viele Zulieferer in Niedersachsen werden sich wohl um ihren Teil aus dem Fördertopf bewerben: Der be- und entschlossene Umschwung von Volkswagen zur Elektromobilität gefährdet klarerweise ihre Existenz. (VW-Boss Herbert Diess – so widerspricht er Daimler-Chef Ola Källenius)

Autobranche kriegt eine Milliarde Euro – aber investiert selbst noch viel mehr

Ob der Geldsegen den mit dem Verbrennungsmotor verwobenen Betrieben letztlich hilft, erfolgreich in die Elektro-Ära zu starten und auch die meisten Arbeitsplätze zu retten, ist freilich noch lange nicht ausgemacht. Kritiker bemängeln zudem, dass die deutsche Autoindustrie solche Hilfe vom Staat überhaupt brauche, um fit für die elektrische Zukunft zu werden. Andererseits sind eine Milliarde Euro zwar richtig viel Geld – im großen Zusammenhang betrachtet, ist der Zukunftsfonds aber wohl doch eher eine Goodwill-Geste in Wahlkampf-Zeiten: Insgesamt, so rechnete VDA-Präsidentin Müller vor, investiere ihre Branche in den nächsten Jahren 150 Milliarden Euro.

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