E-Mobilität im Kleinformat

Mini-Elektro-Mobile für die Stadt: Sind diese Flitzer besser als Tesla?

  • Jan Schmidt
    vonJan Schmidt
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70 Kilometer Reichweite und gerade mal 45 km/h: Tesla-Fahrer mögen darüber lachen. Doch mehr braucht es oft nicht in der Stadt. Können Mini-Autos die E-Mobilität auch ohne Förderung bezahlbar machen?

  • Für die E-Mobilität in Städten sind besonders kleine Elektroautos völlig ausreichend
  • Citroën hat mit dem kleinen Ami zunächst in Frankreich eine Alternative im Programm
  • Zwei Hersteller orientieren sich am Raum-Konzept der alten Isetta von BMW

München – Sie sind schnell wie Sportwagen und kommen zumindest in der Theorie mit einer Akkuladung durch die halbe Republik. Doch dafür sind Elektroautos wie ein Tesla Model S oder ein Audi E-tron schwerer als mancher Kleinlaster und kosten so viel wie eine Luxuslimousine: Massentauglich sind solche Fahrzeuge (noch) nicht und in den Augen vieler Kritiker obendrein hoffnungslos überdimensioniert. (Tesla auf Überholspur, Audi zerknirscht: „Sicher zwei Jahre ...“)

Während sich die E-Mobilität mit Autos wie dem VW ID.3 oder dem elektrischen Opel Corsa-e gerade auch in den Volumensegmenten breitmacht, lenken einige Hersteller den Blick deshalb noch weiter nach unten und bedienen eine vergleichsweise neue, noch kleinere Fahrzeugklasse. Mini-Mobile, die mit bescheidenen Fahrleistungen und geringen Reichweiten auf den urbanen Verkehr zugeschnitten sind, sollen E-Mobilität für kleines Geld gerade in Ballungszentren groß rausbringen und die Städte wieder lebenswerter machen. (Opel Corsa-e gegen Peugeot e-208: Bei einem fehlt was wirklich Nützliches)

Mini-Elektro-Mobile für die Stadt: Sind diese Flitzer besser als Tesla?

Der jüngste Vorstoß in dieser Richtung kommt von Citroën und heißt Ami. Benannt nach einem Erfolgsmodell aus den 1960er-Jahren präsentieren die Franzosen eine Art „Schuhkarton“ auf Rädern, dessen Kunststoff-Karosserie gerade mal 2,41 Meter lang und 1,39 Meter breit ist. Damit beansprucht er noch weniger Verkehrsfläche als ein Smart und ist mit einem Wendekreis von 7,20 Metern sogar handlicher. (Tesla-Alternative Lucid Air: Superfix laden – fast 500 km Reichweite in dieser kurzen Zeit)

In Frankreich ist der Citroën Ami für rund 6.000 Euro zu haben.

Angetrieben wird der Ami von einem E-Motor, der eine Geschwindigkeit von 45 km/h ermöglicht, sodass der Wagen mit dem entsprechenden Führerschein auch von 16-Jährigen gefahren werden darf. Mit dem Strom aus einem 5,5 kWh großen Akku soll er bis zu 70 Kilometer weit kommen. Danach muss der nicht einmal 500 Kilo schwere Kleinstwagen für drei Stunden an die Haushaltssteckdose. (VW-Chef Herbert Diess mit ID.3 im Urlaub – „wie bei einem Dacia“)

Preise für Deutschland nennt Citroën noch nicht, doch empfiehlt Pressesprecher Christopher Rux den Blick nach Frankreich als Orientierung: Dort startet der Ami bei 6.000 Euro und kann im günstigsten Fall für 20 Euro im Monat geleast werden.

Mini-Elektro-Mobile für die Stadt: Zwei Hersteller wandeln auf den Spuren der Isetta

Genau wie Citroën zum sauberen Antrieb reichlich Charme ins Rennen wirft und mit einem alten Namen wirbt, hoffen gerade auch zwei Hersteller aus der zweiten Reihe mit einem Kunstgriff in die Mottenkiste der Mobilität auf das große Geschäft mit kleinen Autos. Sie lassen sich dabei von der legendären Isetta inspirieren. (Mini Cooper SE gegen BMW i3: Der knappe Sieg geht an den ...)

Auf den Spuren der Isetta: Der Microlino wird in der Schweiz entwickelt.

Microlino aus der Schweiz und der Zulieferer Artega aus Delbrück haben beide eine Neuinterpretation der Knutschkugel vorgestellt und den Verkauf noch für dieses Jahr angekündigt. Beide sind so lange mit einem derart ähnlichen Entwurf über die Messen getingelt, dass neben den Entwicklern auch die Juristen Überstunden machen mussten. Doch nach Gerichtsverfahren und ein paar Designretuschen dürfen nun tatsächlich beide ihr Auto auf den Markt bringen. (Hyundai: Neue Marke nur für Elektroautos – Name setzt sich zusammen aus ...)

Auch wenn sich der Artega Karo und der Microlino nun nicht mehr ganz so ähnlich sehen, ist die Idee identisch: Ein extrem kurzes und handliches Auto mit zwei Sitzen, dessen einzige Tür wie bei einem Kühlschrank nach vorne öffnet.

Auf den Spuren der Isetta: Artega bringt den Karo auf den Markt.

Und auch technisch sind die beiden Autos nah beieinander: Der Microlino bietet für 12.000 Euro aufwärts einen 11 kW/15 PS starken Motor für maximal 90 km/h und zwei Akku-Größen für 125 oder 200 Kilometer Reichweite. Artega verspricht für knapp 14.000 Euro ebenfalls 90 km/h Höchstgeschwindigkeit und identische Reichweiten. (Tesla-Fahrer kassiert Strafzettel, weil er seinen Wagen auflädt – „ich bin ehrlich ...“)

Mini-Elektro-Mobile für die Stadt: Renault lieferte bereits 30.000-mal den Twizy aus

Ganz neu sind solche Fahrzeuge an der Grenze zwischen Mobilitätshilfe und Auto allerdings nicht. Und einige davon haben es zu erstaunlicher Präsenz im Straßenverkehr gebracht. Nicht umsonst sieht man etwa den eigenwilligen Renault Twizy mit seiner schmalen Spur und seinen freistehenden Rädern zumindest in den Metropolen mittlerweile häufig. (Lieferzeiten bei E-Autos: Wie viele Monate man aktuell warten muss)

Renault hat in acht Jahren mehr als 30.000 Exemplare des Twizy verkauft.

Zwar feiert Renault 30.000 Twizys in acht Jahren als respektablen Erfolg, doch bei konventionellen Kleinwagen wie dem Twingo erreichen die Franzosen solche Zahlen in nur wenigen Monaten. Renault bietet den Twizy ab rund 6.800 Euro an. Das knapp 2,34 Meter kurze und 1,38 Meter schmale Elektromobil hat eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern. Es gibt zwei Leistungsstufen: 7,6 kW/10 PS ausreichend für Tempo 45 und mit 12,6 kW/17 PS sind 80 km/h möglich. (BMW iX3: Sind Elektro-Antrieb und Batterie wirklich DIESEN Aufpreis wert?)

Mini-Elektro-Mobile für die Stadt: Nischenprodukte für Individualisten

Unternehmensberater Andreas Radics traut elektrischen Isetta-Neuinterpretationen durchaus zu, wie einst der Fiat 500 oder der Mini, über das emotionale Design Lifestyle-Käufer zu erreichen, und in die Pools von Sharing- oder Mobilitätsdiensten aufgenommen zu werden. „Doch der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen können solche Fahrzeuge kaum“, betont Radics von Berylls Strategy Advisors. (Polestar 2: Schick, schnell und gut zu bedienen – doch dieses Extra fehlt leider)

Dazu mangele es ihnen an der Nutzbarkeit. Radics sagt: „Reichweite, Geschwindigkeit und Raumangebot können nicht mit konventionellen Autos konkurrieren. Deshalb sind sie nur eingeschränkt alltagstauglich.“ Damit füllten sie eine Nische, blieben aber eben auch nur eine Randerscheinung bei der Mobilitätswende. Und noch etwas fehle den Kleinen häufig: „Neben dem Produkt müssen auch Vertrieb, Service und Aftermarket-Angebot stimmen und das sehen wir bei den Newcomern überwiegend nicht.“ (Reif für ein Elektroauto? Mit diesen fünf Fragen finden Sie es heraus)

Auch Stefan Möller vom E-Auto-Vermieter Nextmove ist eher skeptisch: „Als Nischenprodukte für Individualisten werden die Kleinen sicher Fans finden. Aber an einen kurzfristigen Durchbruch glauben wir nicht.“ Das liege nicht zuletzt an den Herstellern und der Politik: „Kein großer deutscher Hersteller hat passende Fahrzeuge im Angebot, deshalb fehlt auch die Unterstützung aus Berlin.“ (Elektroautos erleben echte Preisschlacht – diese Rabatte sind drin)

Das schlage sich im Geldbeutel nieder, meint Möller. Der Umweltbonus werde eben nur „echten“ Autos gewährt, Kleinstfahrzeuge wie Twizy & Co. seien von den 6.000 Euro Förderung ausgeschlossen, sodass die Preisdifferenz zu einem Smart oder einem VW e-Up plötzlich sehr klein werde. (Mit Material der dpa)

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