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Der neue Kia EV6: 200 Kilometer Reichweite in zehn Minuten – ein Stromer für den Alltag

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Von: Rudolf Bögel

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Kia EV6 rot
Bis zu 528 Kilometer will der Kia EV6 rein elektrisch schaffen. Das wäre langstreckentauglich. © F. Roschki Topaz Labs / KIa

Das ist fast so schnell wie Benzin tanken. Der neue Kia EV6 zieht innerhalb von 18 Minuten Strom für knapp 400 Kilometer. Adieu Verbrenner!

„Wer ko, der ko“, sagt der Parade-Bayer, schnalzt mit den Hosenträgern und drückt damit so etwas wie Omnipotenz aus. Wer kann, der kann! Kann aber gut sein, dass der Spruch zumindest was Elektroautos angeht, schon bald umgedichtet wird. Wer kia, der kia.! Denn was der Südkoreaner mit dem Kia EV6 auf den Markt bringen, das ist im Augenblick zumindest konkurrenzlos. Technisch so gut wie ein Porsche Taycan, preislich um die Hälfte billiger und optisch ein Gruß aus der Design-Zukunft.

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Der neue Kia EV6 - Locker aufladen in der Kaffeepause

Kia EV6 220 Volt Adapter
Dieser Adapter macht es möglich. Er verwandelt den Ladeanschluss in eine 220-Volt-Steckdose. © Kia

Zwei Autos, eine Mutter. Erst der Ioniq 5, jetzt der EV6. Die südkoreanischen Autobauer von der Hyundai* Motor Company lässt zwei fast baugleiche Stromer auf den Markt los. Den Hyundai Ioniq 5 und den Kia EV 6. Sie unterscheiden sich hauptsächlich beim Design, technisch sind es nur Nuancen. Beispielsweise ist die Batterie beim Ioniq kleiner und auch die Ladegeschwindigkeit ist etwas geringer. Der EV6 kommt hier auf sensationelle 240 kW. Das findet man im Augenblick nur beim Porsche Taycan und beim (technisch) baugleichen Audi e-Tron GT. Möglich macht das ein 800-Volt-Bordystem, das es selbst im Elektro Flaggschiff EQS von Mercedes nicht gibt.  Um einschätzen zu können, was das in der Praxis bedeutet, machen wir bei der ersten Testfahrt gleich mal die Probe aufs Exempel. Wir parken den Koreaner an einem Schnellader auf einem Supermarktparkplatz. Ein wenig Reiseproviant kaufen - schon hat der EV6 35kWh gezogen. Damit verlängert sich die Reichweite um knapp 200 Kilometer. Und das in zehn Minuten. Das ist fast so schnell wie Benzin oder Diesel tanken. Nach diesem Praxistest glauben wir auch die offiziellen Ladezeiten: In 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent oder voller Akku in etwas mehr als einer halben Stunde. Damit ist der EV6 langstrecken- und urlaubstauglich. Denn zwischen 18 und 30 Minuten dauert so ein Tankstop mit herkömmlichen Treibstoffen allemal, eine Kaffeepause nebst Besuch auf dem stillen Örtchen eingerechnet.

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Schon fast ein Supersportwagen: Der Kia EV6 GT

Zum Marktstart kommt der flotte Koreaner in drei Versionen. Heckantrieb, kleine Batterie (58kWh) und nur 170 PS - das ist die Basisversion für 44.990 Euro. Wenn man die Umweltprämien abzieht, bleibt ein Kaufpreis von 35.420 Euro zu begleichen. Wenig Geld für viel (Elektro-)Auto. Aber ewig lockt die Leistung. Deshalb werden die wenigsten Kunden der Versuchung widerstehen können, ihren EV6 aufzupimpen. Sinn macht zunächst einmal die größere Batterie mit 77,4 kWh, damit kommt der Koreaner bis zu 528 Kilometer weit. Die etwas schnellere, aber immer noch am Heck angetriebene Variante hat 229 PS (Aufpreis 4.000 Euro), mit Allrad (Aufpreis 7,900 Euro) bringt der EV6 325 PS und ein Drehmoment von 605 Newtonmeter (Nm) auf die Straße. Und wer Fahrleistungen wie bei einem Sportwagen haben will (3,5 Sekunden von 0 auf Tempo 100) - der muss Geduld aufbringen. Die GT-Version mit 585 PS kommt erst Ende 2022. Apropos Geduld. Die ist bei allen Kunden gefragt, weil der Chipmangel (wenn auch nicht ganz so stark wie bei der Konkurrenz) auch bei den Südkoreaner zugeschlagen hat. Wartezeiten bis zum Sommer 2022 sind mindestens einzukalkulieren.

Das Heck sieht nach Entenhausen aus

Kia EV6 rot Heck
Zwei Spoiler hat der Kia EV6. Einer überhalb der Heckscheibe, einer unterhalb, aber beide integriert in die Karosserie. © F. Roschki / Kia

Dafür aber kann man zumindest noch ein wenig träumen vom EV6, dem sie eine Coupélinie verpasst haben und der mehr wie ein aufgebockter Sportwagen-Klassiker wirkt. Aber das ziemlich elegant. Zumindest von der Seite her. Hinten sieht der EV6 wie ein Auto aus der Zukunft aus. Geschuldet ist das der Aerodynamik. Hier haben die Designer gleich zwei Spoiler in die Karosserie integriert. Einen am Dach und einem unter der Heckscheibe. Sieht ein bisschen nach Entenhausen aus. Das Platzangebot ist reichlich, auch hinten. Allerdings müssen sich größere Passagiere zum Einsteigen ein wenig falten. Komisch, die alte Papierfaltkunst Origami wurde eigentlich in Japan und nicht in Korea erfunden. 

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Mit dem Auto das E-Bike aufladen

Kia EV6 Aufladen E-Bike
Der Kia EV6 kann andere Fahrzeuge aufladen - zum Beispiel E-Bikes. Oder man steck die Kaffeemaschine an oder den Haarfön. © F. Roschki / Kia

Praktisch ist der EV6 in vielerlei Hinsicht. Das fängt beim Zusatzkofferraum vorne an, der bei den Hecktrieblern immerhin 52 Liter bietet und das hört bei bei der Anhängelast auf. Immerhin 1,6 Tonnen kann der EV6 mit der großen Batterie ziehen. Also wohnwagentauglich. Und der Strom für den Caravan ist auch schon an Bord. Der Stromer kann nämlich nicht nur Ladung auftanken, sondern sie auch abgeben. Über einen Zusatzadapter, der über den Ladestecker gestülpt wird, gibt der Kia 220-Volt-Strom an. Entweder für den Wohnanhänger oder um sein E-Bike noch mal aufzufüllen, bevor es auf Mountainbike-Tour geht. Ja sogar anderer Autos kann der EV6 laden, sagt das Kia-Marketing. Wir sagen könnte. Als fahrende Zapfsäule kommt das Auto eher nicht in Frage. Höchstens im Notfall - dann brauchen aber auch beide Seiten reichlich Zeit. Eine Haushaltssteckdose mit 3,5 kW Ladeleistung ist halt kein Hypercharger.

111 P.E.T-Flaschen für die Nachhaltigkeit

Kia EV6 Interieur veganes Leder
Geschredderte Plastikflaschen und veganes Leder: Das Thema Nachhaltigkeit spielt bei Kia eine große Rolle. © F. Roschki / Kia

Innen bietet der EV6 futuristisches Digital-Design auf zwei Bildschirmen. Die Mittelkonsole schwebt dank des fehlenden Getriebes wie ein Ufo im Raum. Plastik findet sich reichlich, auch solches, das nicht unbedingt einen Schönheitspreis gewinnen würde, aber irgendwo muss ja bei diesem Kampfpreis ja gespart werden. Und dann geht es auch um Nachhaltigkeit. Bei der Ausstattung des Innenraumes wird das Material von genau 111 geschredderten P.E.T-Flaschen verwendet, wie Kia stolz vermeldet. Eine besondere Erwähnung verdient das Leder - vegan hergestellt, was der künftigen Kia-Klietel wichtig zu sein scheint. 

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Kia EV6 Fond
Auch große Leute haben im Kia EV6 hinten ausreichend Platz, allerdings nur zwei Personen. © Florian Quandt / Kia

Flinke blaue Pfeile helfen beim Abbiegen

So viel zu den Äußerlichkeiten, bei den inneren Werten besticht der EV6 durch leichte und logische Bedienbarkeit. Knöpfe und Tasten zum Beispiel für Temperatur und Klimaanlage aber auch für Lautstärke und Radio-Sender gibt es trotzdem noch. Alles in einer Leiste unter dem Entertainment-Bildschirm. Und damit es deren nicht zu viele werden hat man die Tasten einfach doppelt belegt. Umschalten, schon wird aus dem Temperaturregler der Lautstärke-Knopf und um umgekehrt. Neben Bedienleiste, den beiden Bildschirmen und den Tasten-Inseln auf dem Lenkrad kann sich der geneigte Autofahrer auch noch über das Head-Up-Display informieren, zum Beispiel über Geschwindigkeit und Tempolimit. Unterstütz wird das HUD von so genannter Augmented Reality. In diesem Fall sind es kleine flinke blaue Pfeile, die projiziert auf der Windschutzscheibe genau anzeigen, in welche Straße man abbiegen muss. Ob man so etwas braucht, das muss jeder selbst entscheiden. 

Kia EV6 zusätzlicher Kofferraum
Der so genannten Frunk im Motorraum bietet im Hecktriebler immerhin noch mal 52 Liter Stauraum. © F. Roschki / Kia

Der virtuelle Außenspiegel rettet Menschenleben

Das vielleicht wichtigste Ausstattungsfeature, das bereits im Kia Sorento Dienst tut, sollte man sich auf jeden Fall gönnen. Es ist ein virtueller Außenspiegel, genauer gesagt eine Kamera, die den toten Winkel rechts und links vom Fahrzeug filmt und die Bilder davon auf den Tacho schickt, sobald der Blinker bedient wird. Zusammen mit dem Totwinkelwarner ist das ein Assistent, der Leben rettet und sollte von daher Pflicht in jedem Pkw sein. Darüber sollten sich die in Brüssel jedenfalls mal ernste Gedanken machen.

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Viel Spaß, hoher Verbrauch

Fahren kann man den Kia EV6 freilich auch noch. Und zwar äußerst flott, selbst in der 229-PS-Variante. Hier fällt die Tempo-100-Marke zwar erst nach 7,3 Sekunden - aber zum Verblüffen der Verbrenner-Kollegen reicht es allemal. Das Fahrwerk ist knackig, für manche Geschmäcker vielleicht ein klein wenig zu stramm. Aber dafür gibt es ja noch den etwas komfortabler abgestimmten Inoniq5, wenn man beim gleichen Konzern bleiben will. Auf den Verbrauch wirkte sich der Spaßfaktor ziemlich deutlich aus. Mit 22,5 kWh auf 100 Kilometer zählt der EV6 nicht zu den Sparsamen seiner Zunft - allerdings waren wir mit dem Stromer auch ziemlich flott unterwegs. Es geht mit Sicherheit auch sparsamer. Ob die 16,5 kWh drin sind, wagen wir jedoch zu bezweifeln.

Technische Daten Kia EV6 (77,4 kWh)

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