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Eigenes Auto überführt Raser – so soll moderne Technik illegale Autorennen bekämpfen

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Von: Christian Schulz

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Adrenalin-Junkies brettern bei illegalen Autorennen gnadenlos über öffentliche Straßen. Es gibt Tote und Verletzte. Kann die Technik moderner Autos die Raser bekämpfen?

Berlin – Die Szenen ähneln sich an vielen Orten der Republik: Die Ampel ist das Startzeichen für adrenalingeladene Männer in hochmotorisierten und aufgemotzten Luxuskarossen. Schaltet das Lichtsignal auf Grün, geben sie Gas. Tausende illegale Rennen gibt es jedes Jahr in Deutschland. Allzu oft enden diese für vollkommen Unbeteiligte tödlich oder mit schwersten Verletzungen. Viele Menschen fragen sich: Was lässt sich machen, damit die Straße nicht zur Rennstrecke wird? Mittel und Wege gibt es einige – vor allem moderne Technik hilft.

Eigenes Auto überführt Raser – so soll moderne Technik illegale Autorennen bekämpfen

„Ihr eigenes Auto verpfeift die Täter“, meint Andreas Winkelmann, Leiter der Abteilung der Berliner Amtsanwaltschaft, die seit 2018 verbotenen Rennen nachgeht. Neben klassischen Beweismitteln verfolgt sein Ermittler-Team dabei immer stärker den technischen Ansatz über die „Blackbox“ der Boliden: „Wichtig sind vor allem digitale Fahrzeugdaten, Navigationsdaten und Videoaufzeichnungen.“ Mit Hilfe des sogenannten EDR (Event Data Recorder) können die letzten fünf Sekunden einer Fahrt nachvollzogen werden: „Wir sehen dadurch, wie lange und stark das Gaspedal gedrückt wurde. Ebenso können wir Bremsniveau und Rad-Rollgeschwindigkeit ablesen“, so Winkelmann. Premiere feierte das Beweismittel im Fall des wegen Mordes verurteilten Berliner Kudamm-Rasers. (Frau verbrennt bei illegaler Raserei auf A66 – Verdächtiger behauptet: „Das war kein Rennen!“)

Ein Bild der Verwüstung: Autowracks an einer Unfallstelle. (Symbolbild)
Zu oft fordern illegale Autorennen Tote und Schwerverletzte. Mit moderner Technik wird versucht, dem Phänomen beizukommen. (Symbolbild) © Igor Myroshnichenko/dpa

Winkelmanns Schätzungen zufolge konnten in Berlin allein mit den Daten des Airbag-Steuergerätes mehr als 120 Fälle von gefährlichem Rasen oder illegalen Rennen nachgewiesen werden. „Ebenso viele Fälle werden es bei Daten außerhalb des Fahrzeugs sein. Also bei Daten aus GPS-Systemen, aus dem Navi oder von Automobil-Herstellern“, sagt er. Die Tendenz sei steigend – und werde sich noch verstärken: Denn ab dem Jahr 2022 müssen in alle konventionellen Autos EDR eingebaut werden. (Scheinheilig? Rasender grüner Umweltminister brettert mit 180 km/h durch Tempolimit: „Hatte es eilig“)

Eigenes Auto verpfeift Raser – Abschreckung und Strafe helfen nicht

In Sachen Strafmaß hat sich bereits einiges getan, um dem gemeingefährlichen Treiben auf unseren Straßen Herr zu werden: Seit 2017 gelten illegale Autorennen nicht mehr als Ordnungswidrigkeit, sondern als schwere Straftat. Seitdem kann die Teilnahme an solchen Rennen mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden. Der neu eingeführte Paragraf 315d des Strafgesetzbuchs sieht zudem bis zu zehn (!) Jahre Gefängnis vor, wenn der Tod eines anderen Menschen durch ein „verbotenes Kraftfahrzeugrennen“ verursacht wird. Außerdem werden die meist sündhaft teuren Autos an Ort und Stelle eingezogen. Den Führerschein darf ein Raser in vielen Fällen auch gleich neu machen. Das klingt drakonisch – doch hilft es auch? (Raser-Rekord im Mercedes-AMG? Blitzer-Foto beweist: Mann satte 164 km/h zu schnell)

Leider zeigt ein Blick auf die Statistiken: Eine abschreckende Wirkung lässt sich kaum erkennen. Denn trotz aller angedrohten Strafen und Gerichtsurteile geben manche Autofahrer weiterhin hemmungslos Gas: Allein in Baden-Württemberg wurden im Jahr 2019 mehr als 250 illegale Rasereien verzeichnet. In Nordrhein-Westfalen wurden gar über 650 Fälle erfasst. In Berlin sind seit der Verschärfung des sogenannten „Raser-Paragraphen“ von 2017 bis Oktober 2020 mindestens 1.560 Verfahren eröffnet geworden. Ein Rückgang sieht anders aus. „Die Zahl von Autorennen nimmt trotz des härteren Gesetzes nicht ab – leider eher im Gegenteil“, sagt Andreas Winkelmann. „Die Dunkelziffer ist unendlich hoch.“ Und das eingezogene Auto? Schmerzt auch kaum: „In rund 90 Prozent der Fälle gehört es gar nicht dem Täter.“ (Raser unglaubliche 32-mal geblitzt: Hat er den BMW 7er auch noch gestohlen?)

Nach einem illegalen Autorennen liegen in der Berliner Tauentzienstraße Fahrzeugteile herum.
Ein Bild der Verwüstung bot sich nach dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Raser-Unfall am Berliner Kurfürstendamm. © Britta Pedersen/dpa

Wenn das Auto Verkehrsrowdys verpfeift – Blitzer und Zivilstreifen reichen nicht

Mobile Blitzer, engere Fahrbahnen, mehr Zivilstreifen, vielleicht auch stationäre Radaranlagen – die Liste der Ideen, mit denen man Raser ausbremsen will, ist lang. Nicht alle sind praktikabel. „Wenn die Burschen wissen, dass da ein Blitzer steht, ziehen sie sich halt eine Maske auf und werden nicht erkannt“, erklärt Winkelmann. (Mit Tempo 330 erwischt: Raser-Rowdy entpuppt sich als Formel-3-Star – seine Ausrede ist irre)

Nach Meinung zahlreicher Experten werden zu viele hochmotorisierte Fahrzeuge für den Straßenverkehr zugelassen. Dies werde durch veraltete Maßstäbe noch begünstigt: Was früher mit 100 bis 150 PS als hochmotorisiertes Fahrzeug galt, ist heute eher Durchschnitt. Außerdem werde es gerade jungen Menschen viel zu leicht gemacht, an regelrechte Geschosse zu gelangen. „Da will keiner wissen, wie lange man den Führerschein schon hat oder wie alt man ist“, sagt auch der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Verkehrspsychologie, Thomas Wagner. Nicht nur die Polizei fordert daher die Einführung eines Stufenführerscheins in Abhängigkeit der jeweiligen Motorisierung der Fahrzeuge. (Mit Material der dpa)

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