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Unheimliche Unfallserie in Hamburg: Gefährlichste Straße Deutschlands?

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Von: Christian Schulz

Verkehrsunfall in der Hamburger Waitzstraße: Ein schwarzer Toyota Yaris PKW ist in ein Ladengeschäft gefahren.

Nicht schon wieder: Ein schwarzer Toyota Yaris ist mitten in ein Ladengeschäft in der Hamburger Waitzstrasse gerauscht. © Jonas Klüter/dpa / imago images/Blaulicht News

In der Hamburger Waitzstraße schießen immer wieder Autos über den Gehweg in die Schaufenster. Was ist nur los im Stadtteil Othmarschen? Die unheimliche Unfallserie nimmt kein Ende.

Hamburg – In der Waitzstraße im Hamburger Stadtteil Othmarschen wurden unlängst zahlreiche Umbaumaßnahmen im Straßenbild durchgeführt. Ziel: Das Parken und Flanieren in Deutschlands vielleicht gefährlichster Straße sicherer zu machen. Denn die Waitzstraße erlangte weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus traurige Berühmtheit: Schon seit Jahren schießen dort immer wieder Autos über den Bürgersteig mitten in Schaufenster und Geschäfte. Harmloses Shopping wird urplötzlich lebensgefährlich, weil Autofahrer Gas und Bremse verwechseln. Oft handelt es sich um Senioren.

Eine Mercedes-Benz C-Klasse ist in eine Boutique in der Hamburger Waitzstraße gefahren.

Rumms! Eine Seniorin hat mit ihrer Mercedes-Benz C-Klasse das Innere einer Boutique in der Hamburger Waitzstraße verwüstet. © imago images / Jonas Walzberg

Mysteriöse Unfallserie in Hamburg: Ist das Deutschlands gefährlichste Straße?

Man hält es nicht für möglich – aber die beschauliche Einkaufsstraße beim S-Bahnhof Othmarschen ist bundesweiter Spitzenreiter in Sachen „Schaufenster-Unfälle“: An keinem anderen Ort in Deutschland machen – meist ältere Autofahrer - nicht in Parklücken halt, sondern rasen direkt ins Geschäft hinein. Seit 1998 zählt die traurige Waitzstraßen-Statistik 23 der hochgefährlichen Vorkommnisse – allein drei Mal traf es ein und selben Frisörladen. Fast unerklärlich: Wie durch ein Wunder wurde bisher niemand schwer verletzt. Die normalen Kollisionen sind dabei noch gar nicht mitgerechnet – und auch die gibt es in der Waitzstraße: Allein im Jahr 2016 krachte es dort 77-mal. (Opa (89) crasht Autohaus mit nagelneuem VW ID.3 – dabei war es nur eine ...)

Die Serie von potenziell lebensbedrohlichen Unfällen, die jederzeit Kunden oder Spaziergänger hätten treffen können, wurde den verantwortlichen Behörden nun zu heiß: Mit Vollstahlpollern soll dem gefährlichen Phänomen endgültig ein Ende bereitet werden. Damit das auch gelingt, wurden diese mit 600 Kilogramm schweren Fundamenten im Boden verankert. Bei einem Aufprall mit etwa 10 km/h können die Poller so ein Gesamtgewicht von bis zu zwei Tonnen aufhalten. Wie die Verkehrsplaner dem NDR erklärten, solle dies ausreichen – wenn nicht jemand „mit dem Panzer“ komme. (Notbremsassistent: Kameras, Radar und Laser helfen, Unfälle zu vermeiden)

Mercedes-Benz C-Klasse ist in eine Boutique in der Hamburger Waitzstraße hineingefahren.

Die Mercedes-Benz C-Klasse ist mitten in ein Bekleidungsgeschäft gerauscht – ein Wunder, dass niemand schwer verletzt wurde. © imago images / Jonas Walzberg

Mysteriöse Unfallserie in Hamburg: Waitzstraße bundesweit als „Crash-Meile“ bekannt

Das war nicht immer so: Die vorher angebrachten Zierpoller und Betonbänke hatten kaum einem Aufprall standgehalten. Meist waren es Verkehrsteilnehmer fortgeschrittenen Alters, die mal in einen Blumenladen, mal in den Eingang einer Bank rauschten. Der vorerst letzte schwerwiegende Unfall ereignete sich Ende Oktober 2020: Eine 81-Jährige beschleunigte beim Versuch einzuparken unvermittelt und fuhr mit ihrem VW Polo rückwärts durch das Schaufenster eines Juweliers. Zum Glück zertrümmerte sie „nur“ die Schmuckauslage. (Das bringt Ihnen ein Fahrsicherheitstraining beim ADAC wirklich – und was es kostet)

Die Hamburger Unfallserie ist derart markant, dass sie es sogar bis in die Satiresendung „Extra 3“ des NDR schaffte – hier das Video:

Weniger einsichtige Geschäftsleute hatten den Umbau zunächst durch Einwände verzögert – denn die dafür notwendige vorübergehende Umwandlung von Schräg- zu Längsparkplätzen bedeutete weniger Parkraum. Die Kosten für die neuen Vollstahlpoller stiegen dadurch um ein Drittel auf rund 150.000 Euro. („Ferrari-Opa“: Darum fährt ein 80-Jähriger seinen F40 so oft es geht)

Mysteriöse Unfallserie in Hamburg: Wie viele Senioren sind zu betagt zum Autofahren?

Zusätzlich zu den installierten stählernen Barrieren ist auch eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 10 im Gespräch. Die Altonaer Bezirksamtsleiterin Stefanie von Berg (Grüne) wünscht sich laut NDR darüber hinaus von der Polizei des Stadtteils, dass diese aktiver darauf achten solle, ob jemand eventuell nicht mehr verkehrstüchtig sei – also zu betagt zum Autofahren. (78-Jähriger kauft sich McLaren 720S Spider: „Du hast ja immer ein Bremspedal“)

Die öffentliche Diskussion über die „Crash-Meile“ hält an. Und immer schwingt die Frage mit: Ist die Waitzstraße in Hamburg-Othmarschen wirklich die gefährlichste Straße Deutschlands? Oder lediglich ein klares Beispiel dafür, dass die Gesellschaft immer älter wird und mit ihr die Autofahrer? Sollte die Maßnahmen Erfolg haben und die mysteriöse Unfallserie abreißen – die teilweise heftig geführte Debatte um Verkehrstüchtigkeit im Alter geht sicher weiter.

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