Erste Ausfahrt im Concept-Car

Mercedes Vision AVTR: Die „Raumschiff“-Studie kann etwas völlig Irres

  • Jan Schmidt
    vonJan Schmidt
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Mercedes präsentierte auf der Computermesse CES Anfang dieses Jahres die Vision eines automobilen Avatars. In Vegas rollte der AVTR lautlos über die Bühne. Wir haben jetzt den Test gemacht, wie sich der Avatar – elektrisch angetrieben – in der Realität fährt.

  • Völlig neues Innenraumkonzept ohne Displays oder Lenkrad
  • Antrieb durch vier radnahe Elektromotoren mit insgesamt 476 PS
  • Steuerung des Infotainments durch Projektionen auf die Handfläche

Stuttgart – Wie alle anderen hatte sich das Daimler mit seiner spektakulären Zukunftsstudie des Mercedes Vision AVTR im Januar 2020 anders vorgestellt. Als kaum jemand ahnte, was da in Sachen Corona Virus auf einen zukommen sollte, war die abgedrehte Zukunftsstudie der strahlend helle Stern auf der wichtigsten Computermesse CES im amerikanischen Spielerparadies Las Vegas. Dabei hatte es der Vision AVTR trotz seines abgefahrenen Designs nicht einfach. Zum einen, weil der Animationsfilm Avatar bereits im Jahre 2009 veröffentlicht wurde und die Nachfolgefilme noch länger auf sich warten lassen. Trotzdem ist der Film von Regisseur James Cameron vielen Cineasten noch heute präsent im Gedächtnis: gilt er doch nach wie vor als das Maß der Dinge, wenn es um die Darstellung einer virtuellen Zukunft geht. Wie kein anderer Film vor ihm fusionierte der Hollywood-Streifen vor mehr als einer Dekade Realität und Fiktion in einer visionären Pandora miteinander. Zudem wurde der fast drei Stunden lange Kinostreifen mit einem Einspielergebnis von knapp 2,8 Milliarden US-Dollar zum erfolgreichsten Kinoprojekt aller Zeiten. Größer denn je sind die Erwartungen an den zweiten Teil und die zeitgleich produzierten Nachfolger, die derzeit unter der erneuten Führung von Cameron entstehen. Und dann kam die Pandemie, die auch den geplanten Auftritten des AVTR einen Strich durch die Rechnung machte. („Hot oder Schrott“: TV-Star Hubert Fella über seine Mercedes S-Klasse zum Schleuderpreis)

Mercedes: Im Flugzeughangar kommt die Studie voll zur Geltung

Unter den großen Glasflächen des Mercedes Vision AVTR staut sich schnell die Hitze.

Erst jetzt gab es die Möglichkeit, in der heißen Glaskuppel auf Rädern Platz zu nehmen und eine kleine Strecke mit dem Zukunftsmodell zurückzulegen. Das spektakuläre Design hat von seiner Faszination in dem halben Jahr nichts verloren – im Gegenteil. In dem abgelegenen Flugzeughangar wirkt der solitär illuminierte Innenraum noch geheimnisvoller als auf der CES-Bühne in Vegas. Dabei schimmern nicht nur der Innenraum und Radelemente bläulich, sondern auch die schmalen LED-Signaturen an Front und Heck lassen das Elektrofahrzeug wie eine Raumschiff erscheinen. (Neue Mercedes S-Klasse kopiert Tesla: Diese Technik gibt’s bei Elon Musk schon lange)

Das Beleuchtungskonzept des Mercedes Vision AVTR macht Eindruck.

Verstärkt wird das noch durch die offenen Rückenkiemen, sich nicht nur einzeln illuminiert sind, sondern im Rhythmus der Fahrt voll beweglich sind. Genug des erneuten Showauftritts im Innern des Hangars. Es geht heraus auf die Teststrecke. Die großen Glasflächen sorgen dafür, dass selbst bei Temperaturen von kaum mehr als 20 Grad schneller als gewünscht im Innern der Schweiß rinnt. Davon war in dem alten Flugzeughangar nichts zu spüren. Die Schattenkulisse hinter den tonnenschweren Stahltoren sorgte nicht nur für spektakuläre Lichteffekte, sondern auch eine angenehme Umgebungstemperatur.

Mercedes Vision AVTR: Infotainment-Steuerung über Projektionen

Der helle Fahrersitz ist mehr Liegefläche oder Lümmelsofa denn eine Sitzgelegenheit in einem Fahrzeug. Die Stühle des Zukunfts-Mercedes bestehen aus einem veganen Kunstleder, während der Boden mit dem Rattanholz Karuun ausgelegt wurde, das besonders schnell nachwächst. Überhaupt hat der Mercedes Vision AVTR nicht viel mit einem Auto gemein, sondern mutet eher wie eine fliegende Untertasse an. Kein Lenkrad, kein Cockpit, sondern nur eine mächtige Darstellungsfläche, die sich wie eine Leinwand durch den Innenraum zieht. Touchdisplays oder gar Tasten gehören in dem visionären Zukunftsmodell einer längst vergessenen Historie an. Wer die rechte Hand erhebt, bekommt eine Projektion in die Handfläche, mit der sich die einzelnen Menüpunkte der Bedienung ansteuern lassen. (ADAC-Test: Mercedes, Audi, BMW – dieses Auto bietet die beste Konnektivität in der Kompaktklasse)

Das Bedienkonzept des Mercedes Vision AVTR ist revolutionär.

Mercedes Vision AVTR: Vier Elektromotoren mit insgesamt 476 PS

Ähnlich sieht es mit dem Vortrieb aus. Gaspedal, Bremse oder Lenkung sind auch hier weiter denn je in einer fernen Galaxie verschwunden. Gesteuert wird mit eine knubbeligen Handflächenschmeichler, der sich auf Knopfdruck aus der Mittelkonsole herausfährt. Den Joystick mit der ganzen Handfläche leicht nach vorne drücken und schon setzt sich das zwei Tonnen schwere Ufo nahezu lautlos in Bewegung. Zum Bremsen zieht man den Knubbel wieder zurück zur Mitte oder gar nach hinten, wenn es rückwärts gehen soll. Der AVTR zuckelt mit seinem Elektroantrieb flott los und macht dabei überraschend schnell Meter auf dem Testparcours. Angetrieben wird der Mercedes Vision AVTR dabei von vier radnahen Elektromotoren, die zusammen 350 kW/476 PS an Leistung bringen.

Völlig irre: Der Mercedes AVTR kann bis zu 30 Grad seitwärts fahren

Der Mercedes Vision AVTR kann sich um bis zu 30 Grad seitwärts bewegen.

Jedes Rad kann entsprechend der Fahrsituation separat angetrieben werden, wodurch sich die Studie um bis zu 30 Grad im Krebsgang seitwärts fortbewegen kann. Mit dem Steuern nach links und rechts heißt es jedoch feinfühlig sein, denn allzu schnell ist man in den Krabbenmodus gerutscht ohne es zu wollen. Die echte Schau des Vision AVTR ist, dass er nicht nur nach vorn oder zurück fahren und lenken kann, sondern auch den Krebsgang zur Seite perfekt beherrscht. Leicht das Steuermodul zur Seite gekippelt und das Fahrzeug aus einer fernen Zukunft stellt seine Räder an und krabbelt seitlich. Das macht mehr Laune, als nur nach vorn zu fahren. Auf einem Stück Freifläche lässt man den AVTR etwas flotter seitlich auskeilen und träumt von einer automobilen Welt in einem fernen Avatarzeitalter bis einem die spärliche Sonne zusetzt und die Temperatur in der mobilen Glaskuppel schneller als gewünscht nach oben drückt.

Noch sind in dem Einzelstück normale Batteriezellen verbaut. Dabei soll das Fahrzeug einen Ausblick geben auf eine neue Batterietechnologie, die auf einer organischen Zellchemie basiert und damit frei von seltenen Erden und Metallen ist. Die Materialien der Batterie selbst sind kompostierbar und damit vollständig recycelbar. Noch reine Zukunftsmusik – wie sollte es bei einem Avatar anders sein? Auch wenn alle Hauptrollen vergeben scheinen – genug Zeit dürfte noch sein, damit der Vision AVTR zumindest eine kleine Rolle in einem der kommenden Avatar-Filme bekommt. (Von Stefan Grundhoff/press-inform)

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