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Geheime Camouflage-Tricks der Erlkönige – so raffiniert werden neuen Prototypen getarnt

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Von: Christian Schulz

Meist kursieren schon vor Marktstart neuer Modelle verschiedene Bilder des Autos. Den Herstellern gefällt das ganz und gar nicht – daher tarnen sie ihre Erlkönige raffiniert.

Franklin (USA) – Die besondere Herausforderung und manchmal auch der Rätselspaß für Auto-Fans bestehen darin, die Tarnung der „Erlkönig“ genannten Camouflage-Karossen zu durchschauen. Damit sich nicht zu leicht herauszufinden lässt, um welches neue Modell es sich beim jeweiligen Prototypen handelt und wie das tatsächliche Design des Automobils am Ende aussieht, beschäftigen die Autohersteller eigene Tarnspezialisten. Nissan gewährt nun einen interessanten Einblick in deren Vorgehensweisen und Techniken.

Drei Rollen mit verschieden gemusterten Tarnfolien stehen vor einem verkleideten Nissan Pathfinder SUV.
Für die perfekte Camouflage des Erlkönigs stehen verschiedene Tarnfolien zur Verfügung. Entscheidend ist das irritierende Muster. © Nissan

Geheime Camouflage-Tricks der Erlkönige – so raffiniert werden neuen Prototypen getarnt

Die Prototypen zukünftiger Automodelle vor den neugierigen Blicken Unbefugter zu schützen, ist nicht nur eine Frage der Eitelkeit der Autobauer. Gelangen beispielsweise Schnappschüsse von Design-Versuchen an die Öffentlichkeit, können virale Trends schnell für einbrechende Verkaufszahlen der aktuellen Baureihe sorgen, noch bevor das neue Modell überhaupt fertig entwickelt ist. Kann die Konkurrenz ungehindert einen Blick auf die Arbeit der eigenen Entwicklungsabteilung werfen, droht zudem ein ernsthafter Wettbewerbsnachteil. Das Verschleiern von Prototypen künftiger Automodelle ist daher eine ernste Angelegenheit – und wird von den Herstellern auch dementsprechend verfolgt. (Darum tragen Erlkönige eine Tarnfolie im „Dazzle“-Muster)

Ein mit Tarnmuster verkleideter Nissan Pathfinder Erlkönig von der Seite
Große Scharade: Nissan zeigt am Beispiel des Pathfinder SUV eindrucksvoll, wie aufwendig die Erlkönige verschleiert werden. © Nissan

Nissan gewährt uns jetzt einen Einblick: So sperrt der japanische Autohersteller seine Prototypen unter strengster Geheimhaltung vollständig abgedeckt in hermetisch abgeriegelte Garagen, zu denen nur wenige Mitarbeiter Zugang haben. Müssen die Testfahrzeuge zwischen Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen des Konzerns hin und her transportiert werden, erfolgt dies in aller Regel in geschlossenen Anhängern. Damit sollen die Boliden vor indiskreten Blicken von Erlkönig-Fotografen geschützt werden, die sich vor den Werkstoren auf die Lauer legen – oder entlang bekannter Routen mit Drohnen unterwegs sind. (Nissan Office Pod Concept: Japaner stellen Homeoffice-Van vor – so funktioniert das rollende Büro)

„Wenn wir ein Fahrzeug enthüllen, sollte dies maximale Aufmerksamkeit genießen“, erklärt Mike Rosinski, Manager für Fahrzeugentwicklung bei Nissan Nordamerika, über die Notwendigkeit des Tarnens und Täuschens: „Bevor ein Fahrzeug auf dem Markt startet, wird monatelange am Feinschliff gearbeitet. Dabei bringen wir das Fahrzeug zu Testzwecken auch auf öffentliche Straßen. Um da nicht zu viel zu verraten, müssen unsere Autos immer gut verkleidet sein. Schließlich sollen alle Augen auf die offizielle Präsentation gerichtet sein.“ (Erlkönig: Das steckt hinter dem Begriff „Muletto“ – und was es damit auf sich hat)

Zwei verschiedene Varianten des neuen Nissan Pathfinder stehen nebeneinander.
Um exklusiv zu präsentieren, muss man effektiv tarnen: So sieht der neue Nissan Pathfinder ohne Erlkönig-Verkleidung aus. © Nissan

Nissan zeigt Camouflage auf Erlkönigen – Tarnfolie in Schwarz-Weiß täuscht das menschliche Auge

Der augenfälligste Bestandteil der Verschleierung ist der entscheidende: Die äußere Ummantelung des Karosseriekörpers mit irritierend gemusterten Designs. Diese meist in Schwarz-Weiß oder verschiedenen Grauabstufungen gehaltene Tarnfolie soll nicht nur das menschliche Auge täuschen – sondern vor allem auch die Linse der Spionagefotografen. Das wirkt – denn der Fokus der Kameraobjektive kann sich nur schwer auf die gemusterten Erlkönige einstellen. Nissan setzt dabei auf eine ganze Reihe von Tarnmustern und wechselt diese nach dem Zufallsprinzip. (Nissan-Fahrer brennt mit 350Z Donuts in vereisten See – die Aktion geht nach hinten los)

Zusätzlich verbirgt diese Maskerade auch die Reliefs der Oberfläche sowie den eigentlichen Schnitt eines Fahrzeugs. So kann ein externer Betrachter nur sehr allgemeine Stilelemente erkennen. Die Details und Besonderheiten bleiben ihm jedoch verborgen. „Die Muster sind der Schlüssel“, erklärt Sherri Bruder, Managerin der Nissan Engineering Fleet in Franklin vor den Toren von Nashville: „Wenn das Material nur einfarbig schwarz oder weiß wäre, konnte man die Karosserielinien des Fahrzeugs sehen. Die Tarnmuster machen es schwieriger, diese herauszufinden.“ (BMW i4: Das neue E-Auto soll dieses Konkurrenzmodell zurückdrängen – so stehen seine Chancen)

Der getarnte V-Motion-Kühlergrill des neuen Nissan Pathfinder
Der charakteristische V-Motion-Kühlergrill des neuen Nissan Pathfinder wurde für Straßentests getarnt. © Nissan

Nissan zeigt Camouflage auf Erlkönigen – echte Karosserieform wird mit Kunststoffpolstern verzerrt

Über die reine Tarnung mit den Camouflage-Folien hinaus versucht Nissan außerdem, die Form der Scheinwerfer mit Klebeband zu verändern oder unkenntlich zu machen. Manchmal werden auch speziell angepasste Kunststoffpolster unter der Hülle angebracht. Diese sollen den Betrachter auf eine falsche Fährte locken, indem sie die wahre Form des Prototypen verzerren – wie zum Beispiel auf dem V-Motion-Kühlergrill des hier gezeigten Nissan Pathfinder. Ebenso werden alle denkbaren Abzeichen oder Markenhinweise vom Fahrzeug entfernt – selbstverständlich auch von den Rädern. Selbst im Innenraum werden Abdeckungen drapiert, um das Armaturenbrett und andere Details zu verbergen.

Da Nissan USA in etwas mehr als 20 Monaten gleich zehn neue Fahrzeuge auf den Markt bringt, kann sich das Camouflage-Team des Autoherstellers nicht über zu wenig Arbeit beklagen. Die neuen Nissan Sentra, Nissan Rogue, Nissan Kicks, Nissan Armada sind nur einige der kürzlich vorgestellten Nissan-Fahrzeuge. Für Modelle, die einer kompletten Neugestaltung unterzogen wurden – wie der Nissan Frontier oder das brandneue SUV Nissan Pathfinder – stand besonders viel auf dem Spiel. Daher haben die Test-Ingenieure des Autobauers auch mehr als drei Kilometer Klebetarnung in nur einem Jahr verbraucht.

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