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Fahrrad vs. Auto: Der alltägliche Kampf auf den Straßen

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Der alltägliche Kampf auf den Straßen
Die Stimmung auf Deutschlands Straßen ist gereizt. Besonders wenig Verständnis herrscht zwischen Rad- und Autofahrern. © Frank Rumpenhorst/dpa/Frank Rumpenhorst/dpa

In den Städten wird es enger, die Aggressivität bei den Verkehrsteilnehmern steigt. Für Radfahrerinnen und Radfahrer wird es dabei schnell gefährlich. Zwei von ihnen berichten von vergeblichen Versuchen, sich juristisch zu wehren.

Frankfurt/Main - Es ist Sommer, Katja W. ist mit dem Rad in Frankfurt unterwegs. Vor einer Ampel fährt sie an zwei Autos vorbei und hält davor an, um Grün abzuwarten. Der Autofahrer hinter ihr beschimpft sie, lässt den Motor aufheulen und fährt ein Stück auf.

Kaum springt die Ampel um, überholt er mit quietschenden Reifen und bremst die Radfahrerin zwei Mal aus. So schildert die 35-Jährige das Geschehen. In einem anderen Fall kommt ihr ein Auto demnach von hinten so nah, dass sie rechts heranfahren muss. Der Fahrer überholt sie mit nur rund 30 Zentimetern Abstand und zeigt ihr den Mittelfinger.

„Die Stimmung ist gereizt auf der Straße“, sagt die Frankfurterin. Insgesamt rund 16 Kilometer fährt sie jeden Tag zur Arbeit und zurück. Es handele sich nicht um Einzelfälle, sagt Ansgar Hegerfeld, stellvertretender Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Hessen. „Man wird angehupt, beleidigt und abgedrängt“, sagt er auch mit Blick auf seine eigenen Erfahrungen im innerstädtischen Verkehr.

Wachsende Aggressivität zwischen Rad- und Autofahrern

Dort steige die Aggressivität, sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer. Sie gehe nicht immer allein von Autofahrern aus. Radfahrer seien im Gegensatz zu diesen jedoch ungeschützt unterwegs und dadurch weitaus gefährdeter. Sie gerieten selbst aufgrund von Verhalten in Gefahr, das möglicherweise zunächst gar nicht aggressiv gemeint sei - wie etwa zu nahes Überholen. „Schlimm wird es, wenn daraus Aktionen resultieren wie besonders enges Schneiden oder Ausbremsen.“ Auch Handgreiflichkeiten kämen häufiger vor als früher.

Im Straßenverkehr mache sich „eine generelle gesellschaftliche Entwicklung zu individualistischer Betrachtung der Wirklichkeit“ bemerkbar, sagt der Experte. Wegen des sehr dichten Verkehrs werde das Bedürfnis, voranzukommen, ständig von anderen unterbrochen. Aus Sicht des Autofahrers enge der zunehmende Radverkehr den zur Verfügung stehenden Raum noch mehr ein. „Das führt zu ständigem Frust und der entlädt sich gelegentlich“, sagt Brockmann.

Die Abstandsregeln beim Überholen von Radfahrern sind neu geregelt worden. Innerorts muss dies mindestens mit 1,5 Metern Abstand geschehen, 2 Meter sind es außerorts. Ende Januar eskalierte ein Streit darüber in der Nähe von Mörfelden-Waldorf (Kreis Groß-Gerau). Nach Polizeiangaben verletzte ein Rennradfahrer einen Autofahrer mit Schlägen gegen den Kopf, da er den Sicherheitsabstand beim Überholen auf einer Bundesstraße nicht eingehalten habe. Die Sichtweise des Rennradfahrers zu dem Fall ist nicht bekannt - er fuhr davon.

Aufmerksamkeit für das Problem schaffen

Radfahrerinnen und Radfahrer teilen ihre Erfahrungen unter dem Hashtag „motorisierteGewalt“ in sozialen Netzwerken. Videos zeigen Autofahrer, die ihnen die Vorfahrt nehmen, sie schneiden und gefährlich bedrängen. Auch Unfälle sind dokumentiert.

Für große Aufmerksamkeit gesorgt hat vergangenen November ein Fall aus dem Siegerland. Ein SUV-Fahrer machte regelrecht Jagd auf zwei Radfahrer, versuchte sie auszubremsen und stieg auch aus, um sie anzugehen. Einer der Männer filmte den Fall, der sich im Internet verbreitete. Auch hier ging es um den Sicherheitsabstand beim Überholen. Der SUV-Fahrer habe sie viel zu knapp überholt, darüber hätten sie geschimpft und gestikuliert, sagte einer der Radfahrer. Daraufhin bremste der Mann scharf vor ihnen ab.

Katja W. hat die beiden Autofahrer wegen Nötigung und Beleidigung angezeigt. In einem Fall wartet sie noch auf die Entscheidung, im anderen Fall wurde sie auf den Weg einer Privatklage verwiesen, da der Autofahrer nach Mitteilung der Amtsanwaltschaft eine Nötigung bestritt und erklärte, er sei selbst auch beleidigt worden. Katja W. ist seitdem mit Kamera auf dem Helm unterwegs, um in einem etwaigen nächsten Fall genügend Beweise zu haben. Ansgar Hegerfeld hat bereits sechs Anzeigen wegen Beleidigung und Nötigung gestellt, bisher ohne Erfolg. „Es gibt ein Vollzugsdefizit“, sagt er.

Der ADFC rate bei entsprechenden Anfragen dennoch zur Anzeige, da die Fälle so dokumentiert seien. „Dann kann niemand sagen, es gibt das Problem nicht.“ Von den Kommunen fordert Hegerfeld eine bessere Kennzeichnung der Straßen, um - auch für Autofahrer - nachvollziehbarer zu machen, wo Radfahrer fahren dürften. Viele hätten Angst, aufs Fahrrad zu steigen. Das sei problematisch. Alle Menschen sollten sicher mit dem Rad fahren können. Dazu müssten die Verkehrsregeln eingehalten werden.

Im Fall aus dem Siegerland ist der Autofahrer mittlerweile angeklagt worden. Ihm wird gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, versuchte gefährliche Körperverletzung und Nötigung vorgeworfen. dpa

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