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Ehemaliger VW-Mitarbeiter gibt freiwillig Führerschein ab: „Zu viele Egoisten am Steuer“

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Von: Jasmin Pospiech

Das ist wirklich ungewöhnlich: Ein Ex-VW-Mitarbeiter hat die Lust am Autofahren verloren und lebt inzwischen seit zwei Monaten ohne Führerschein. Und das freiwillig.

Kassel – „Perplex“ und „ungläubig“ sei die Frau in der Führerscheinbehörde gewesen, als Klaus Bertram Ende November letzten Jahres bei der Stadt Kassel seinen Führerschein abgeben wollte. Schließlich treten diesen nur wenige Männer in seinem Alter freiwillig oder gerne ab.

Ex-VW-Mitarbeiter (61) gibt freiwillig Führerschein ab: „Zu viele Egoisten am Steuer“

Doch der 61-Jährige hat seine Entscheidung ganz bewusst getroffen und „den Schritt nicht bereut“, berichtet er gegenüber hna.de.* Zwar habe sich der ehemalige VW-Mitarbeiter erst mal daran gewöhnen müssen, von seiner Wohnung in Niederzwehren aus Besorgungen zu erledigen, wie etwa schwere Wasserkästen einzukaufen, doch „da gibt es Bringdienste“, sagt der alleinlebende Mann.

Hat seinen Führerschein freiwillig abgegeben: Klaus Bertram aus Niederzwehren hat sich nach 35 Jahren als Autofahrer von seiner Fahrerlaubnis getrennt.
Hat seinen Führerschein freiwillig abgegeben: Klaus Bertram aus Niederzwehren hat sich nach 35 Jahren als Autofahrer von seiner Fahrerlaubnis getrennt. © Bastian Ludwig

Der Rentner, der nach 47 Jahren bei VW im Getriebebau im vergangenen Jahr in den Vorruhestand gegangen ist, hatte seinen Führerschein 1986 gemacht. Fast täglich pendelte er zwischen seiner Wohnung und seinem Arbeitgeber in Baunatal, auch fuhr er mit seinem Auto in den Urlaub, z. B. nach Österreich. Zuletzt besaß Bertram einen VW Polo, doch der ist jetzt Geschichte. Auch dieser Besitzer eines VW Polos wird ihn jetzt nicht mehr nutzen können, nachdem er ihn in einem Angelteich versenkt hat.

Der Grund für seine Entscheidung ist eigentlich traurig und doch verständlich zugleich: „Ich war dem Verkehr nicht mehr gewachsen. Da gibt es zu viele Egoisten am Steuer“, erklärt er gegenüber hna.de. Demnach habe er oft erleben müssen, wie ihm andere Autofahrer einen Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hatten, obwohl er bereits längere Zeit vor der Parklücke stand. Doch manche haben noch ein „Herz“, so wie diese Autodiebe, die den Wagen einer körperlich behinderten Frau wieder zurückgebracht haben.

Und generell sei der Ton auf der Straße rauer geworden, weshalb er sogar Angst um sein Leben hatte: „Es gibt zu viel Raserei. Da wollte ich nicht irgendwann dazwischengeraten.“ (23-jähriger Audi-A5-Fahrer rast mit 208 km/h durch 100er-Tempolimit – war er etwa high?)

Ex-VW-Mitarbeiter (61) gibt freiwillig Führerschein ab: Er hofft jetzt auf viele Nachahmer

Zwar habe der Kasselaner in den 35 Jahren mit Fahrerlaubnis nur einen einzigen Unfall vor langer Zeit gehabt, aber dennoch habe er jetzt keine Lust mehr. Seit zwei Monaten lebt Bertram nun ohne Führerschein und fährt öfter mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Außerdem habe das auch etwas Gutes, so der rüstige Rentner, schließlich sei das Leben ohne Lappen nicht nur günstiger, sondern auch umweltschonender. (Ihr Führerschein ist weg? Wie Sie ihn auch ohne „Idiotentest“ zurückbekommen)

Daher hofft Bertram, der alleinstehend ist, dass Verkehrsverbünde in deutschen Städten in Zukunft im Tausch für freiwillige Führerscheinabgaben kostenlose Jahreskarten anböten. „Das würde sicher noch mehr Menschen zum Wechsel bewegen, die sich im Autoverkehr unsicher fühlen“, ist er sich sicher. Aber bis dahin möchte er mit seiner Geschichte andere dazu ermuntern, es ihm gleichzutun. *hna.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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