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Elektro-SUV für 29.993 Euro im Fahrtest - was hat der Aiways U5 aus China wirklich drauf?

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Von: Rudolf Bögel

Aiways U5 Front
Der Aiways U5: Im Langstreckentest muss der Elektro-SUV beweisen, wie gut er ist. © Aiways

So groß wie ein BMW X5 oder ein Mercedes EQC – voll elektrisch, aber unter 30.000 Euro. Was kann der China-SUV Aiways U5? Hier alle Infos zum Test auf der Langstrecke.

Der Aiways U5 im Fahrtest*

Auch das schönste Vorurteil braucht Nahrung. Und die gibt es im U5 von Aiways gleich mal reichlich. Ein chinesischer SUV für unter 30.000 Euro. Voll elektrisch. Was kann schon sein? Platz nehmen, anschnallen – der Weg führt von München nach Freiburg. 336 Kilometer, ganz gemütlich am Bodensee entlang. Dürfte eigentlich kein Problem sein, schließlich versprechen die Hersteller aus Shanghai, dass der U5 so um die 400 Kilometer Reichweite schafft. Wenn nicht: Nur 35 Minuten investieren am Schnelllader, dann hat der SUV wieder Saft für weitere 200 Kilometer.

Aiways U5 Interieur Cockpit
Edel, kaum billiges Kunststoff. In der Premium-Ausführung des Aiways U5 gibt es sogar feines Leder. © Aiways

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Erste Erkenntnis: In China sind Kaffeebecher wohl kleiner

Vom Aussehen her läuft der Aiways in der Masse mit. Rein äußerlich. Innen dann gleich die erste Überraschung. Das sieht ja alles Premium aus. Feines Leder, Klavierlack am Armaturenbrett, schicke Metall-Applikationen und die mittlerweile schon obligatorischen zwei Bildschirme: Ein kleiner hinter dem Lenkrad, wo er als Tacho fungiert und ein großer (12,3 Zoll), zentral in der Mitte für Info und Entertainment. Das Vorurteil hat Hunger, schon kommt der Gruß aus der Küche. Wohin nur mit dem Kaffeebecher? Es gibt zwar zwei Aussparungen in der Mittelkonsole, scheinbar haben die Chinesen aber andere Cup-Größen. Handschuhfach? Fehlanzeige, unter der Mittelkonsole gibt es Platz, abgesichert mit einem Netz. Dort, wo sich sonst das Handschuhfach befindet, glänzen zwei Vierkant-Chrom-Haken. Später, so die Hersteller, können dort entsprechende Behälter eingehängt werden, das fällt dann aber in den Bereich der Accessoires. Punktabzug schon am Anfang.

Aiways U5 Panormadach
Blick von der Rückbank nach vorne. Das große Panorama-Glasdach gibt es nur in der Premium-Ausführung, so wie die Sitzheizung. © Aiways

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Schreck am Morgen: Wo ist bloß das Navi?

Und es geht munter weiter. Auf dem Display suchen wir das Navi. Jede Kachel auf dem Touchscreen wird umgedreht – auch hier Fehlanzeige. Schnell im Internet nachgelesen. Das ist volle Absicht. Damit drücken die Chinesen zum einen den Preis, zum anderen findet man in Shanghai: Es hat doch sowieso jeder ein Handy mit Navi, wieso ein teures zweites Bordsystem anbieten? Kein schlechter Gedanke – bei Aiways wurde er nur nicht ganz zu Ende gedacht. Das IPhone lässt sich zwar per Bluetooth mit dem Auto verbinden, damit funktioniert aber nur die Telefonie. Wer AppleCarPlay und damit das Navi verwenden will, der muss das Handy mit dem Kabel verbinden. Nicht gerade modern. Und in der Praxis funktioniert es auch nicht immer, scheinbar widersprechen sich Bluetooth und Kabel, denn manchmal will AppleCarPlay nicht starten. Tipp: Noch mal neu anstecken, dann funktioniert es. Meistens. Außerdem hapert es an der Sprachqualität – alle Angerufenen klingen so, als ob sie in einer Tonne sitzen würden. Nämliches gilt für das blecherne Soundsystem, das aber immerhin mit DAB-Radio ausgestattet ist.

Aiways U5 Detail Türgriff
Die versenkbaren Türgriffe fahren aus, wenn sich der Fahrer dem Auto nähert. Der Zugang ist schlüssellos. © Aiways

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Aiways U5: 204 PS reichen völlig für den 1,8-Tonner

Genug gemeckert - ab geht es auf den Langstreckentest: München – Freiburg, und zurück. Rund 800 Kilometer werden es am Schluss sein. Ausgerüstet sind wir mit einer Stromtank-Karte von EnBW (Energie Baden-Württemberg), dazu gibt es eine Handy-App, wo, welche Ladestationen (über 200.000), wie verfügbar sind. Rein theoretisch. Aber dazu später. Zunächst einmal zieht der Aiways U5 locker los. Die 204 Elektro-PS haben leichtes Spiel im wahrsten Sinn des Wortes. Denn der SUV wiegt nur 1,8 Tonnen. In knapp acht Sekunden geht es von 0 auf Tempo 100, bei 160 km/h ist Schluss. Abgeregelt, weil zu viel Energieverlust bei hohen Geschwindigkeiten. Das Fahrwerk des U5 ist komfortabel ausgelegt, die Federung bequem und auch in den Kurven liegt er gut. Hier merkt man kaum einen Unterschied zur Konkurrenz, auch nicht zu deutschen Herstellern. Der Aiways fährt sich wirklich fein, die Beschleunigung macht großen Spaß. Wir fahren mit der Einstellung Eco, schließlich wollen wir die ganze Strecke in einem Rutsch schaffen.

So gut ist die Verarbeitung – mit einer Ausnahme

Aber schon meldet sich wieder das hungrige Vorurteil. Und wird prompt bedient. Was sind denn das für Fahrgeräusche? So als ob das Fenster auf der Fahrerseite nicht ganz zu ist. In einem Verbrenner wäre das vielleicht gar nicht aufgefallen, aber in so einem leisen E-Auto hört man das. Schnell am elektrischen Fensterheber gelupft – das Geräusch ist immer noch da. Kurz am Wegesrand halten, Tür noch mal kräftig zuschlagen. Keine Chance. Es hört sich an, als ob es ziehen würde, aber es zieht nicht. Ganz im Gegensatz zur generellen Verarbeitung des Autos, die weder im Interieur noch beim Lack Anlass zu meckern gibt, scheint es hier Probleme zu geben.

Aiways U5 Seite
Knackig sieht der U5 auch von der Seite aus. Innen bietet er viel Platz, vor allem hinten. Chinesen mögen Chauffeur-Autos. © Aiways

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Sitzheizung gibt es nur bei der Premium-Ausstattung

Rauf auf die Autobahn, Abstandstempomat rein, höchstens 130 km/h – schließlich soll das E-Auto möglichst weit kommen. Ziemlich weit vorne liegt der Aiways U5 schon bei der Ausstattung. Das trifft vor allem auf die elektronischen Assistenten zu. Der Abstandstempomat ist Serie, schon in der Standard-Version des Fahrzeugs. Teilautonomes Fahren ist genauso dabei wie Verkehrszeichenerkennung, Stau- oder Spurhalteassistent und sogar die 360-Grad-Kamera haben die Chinesen an Bord. Beim Premiumfahrzeug, das knapp 3000 Euro teurer ist als die Standardausführung, kommen noch 19-Zoll-Felgen, Lederausstattung, Panorama-Glasdach – und beheizbare Frontsitze dazu. Die sind ganz schön schlau in Shanghai! Denn damit dürfte die Premium-Version gesetzt sein in Europa, ohne Sitzheizung hängt hierzulande nämlich der Haussegen schief.

Abstandstempomat mit Kurven-Angst

So ein Abstandstempomat auf der Autobahn ist schon eine feine Sache. Reduziert den Stress erheblich, gerade auf langen Strecken. Beim Aiways kann man zwischen zwei Modi wählen, einmal mit Lenkeingriff und einmal ohne. Je nach persönlicher Vorliebe. Wir waren lieber ohne unterwegs. Was man nicht abstellen kann: Der U5 reduziert beim teilautonomen Fahren in den Kurven automatisch die Geschwindigkeit – ganz egal wie scharf sie sind. Und das nervt, weil man dann mit dem Gaspedal dagegen arbeiten muss, um das Tempo zu halten. Scheinbar sind die Autofahrerkünste im Reich der Mitte noch nicht ganz ausgereift, sonst wären die Entwickler nicht so extrem vorsichtig.

Aiways U5 Ladestation
An einem Schnellader schafft es der U5 in 35 Minuten von 20 auf 80 Prozent. Zu Hause dauert es mehr als 10 Stunden. © Aiways

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Elektro-SUV: Schon nach 200 Kilometern an die Ladesäule

Obwohl wir nur mit Tempo 130 unterwegs sind, leert sich der 63kWh-Akku zusehends. Die Reichweiten-Angabe, sowohl in Kilometern, also auch in Prozent, ist im freien Fall. Von wegen 336 Kilometer in einem Rutsch. Schon nach 210 Kilometer suchen wir uns eine Ladestation, nur noch 87 Kilometer Rest. Das reicht ja nie. Die EnBW-App schickt uns außerhalb von Überlingen am Bodensee. Wir stellen fest: Wer in Deutschland aufladen will, der muss sich auch mit einem Spaziergang im Gewerbegebiet anfreunden, während das Auto Strom tankt. 70 kW saugt der Aiways an dieser Zapfstelle. Da wir 100 Prozent Ladung wollen, dauert es über eine Stunde und 20 Minuten, bis die Batterie wieder voll ist. Hier zeigt sich eine Schwäche des U5: Die Ladeverluste sind zu hoch. Bezahlen ist übrigens einfach. Geht über die EnbW-Karte, die man nur vor die Ladesäule hält.

Aiways U5 Strom-Ladeklappe
Die Ladebuchs des U5 sitzt unter dem rechten vorderern Scheinwerfer. Das ist wirklich praktisch. © Aiways

Von sieben Ladesäulen funktionieren sieben nicht

Quer durch den Schwarzwald ans Ziel. Mit 190 Kilometern Rest in der Batterie erreichen wir Freiburg. Das genügt natürlich nicht für den Rückweg am nächsten Tag. Aber keine Sorge, es geht ja im Gegensatz zur Hinreise nur auf deutschen Autobahnen zurück, und da soll die Dichte der Ladesäulen ja schon recht ordentlich sein. Mit diesem Gedanken beenden wir unser Frühstück am nächsten Tag. Die App zeigt in 90 Kilometern sieben Ladestationen an, bis zu 350 kW Ladeleistung, fünf von sieben seien verfügbar. Aber was für eine Enttäuschung. Von sieben funktionieren tatsächlich sieben nicht. Bleibt nur der Hypercharger in der nahe gelegenen Ortschaft Achern, denn unsere Reichweiten-Anzeige liegt bei 68 Kilometern und fällt wohl angesichts der Temperaturen um die sieben Grad relativ schnell. Keine Experimente – in Achern vertreiben wir uns wieder mal die Zeit, bis das Auto aufgeladen ist. Und wieder einmal dauert es über eine Stunde. Zwar ist die Erleichterung groß, als der Akku danach wieder 400 Kilometer Reichweite anzeigt – aber wir wissen: Die restlichen 314 Kilometer werden wir auch nicht in einem Zug schaffen. Und das frustriert, auch wenn das Aufladen später bei Merklingen völlig problemlos läuft.

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Und so fällt unsere Bilanz aus

Am Ende des Langstreckentests haben wir insgesamt 800 Kilometer zurückgelegt. Drei Mal musste dabei nachgeladen werden. Demnach liegt die Reichweite realistischerweise nicht bei 400 Kilometern, sondern bei knapp 300. Wenn man das nicht bis zum Schluss ausreizen will, dann muss man alle 200 Kilometer eine Stromzapfsäule ansteuern. So richtig praktikabel ist das nicht, es sei denn man hat ausreichend Zeit und möchte Deutschlands Gewerbegebiete und Autohöfe einer näheren Betrachtung unterziehen. Deshalb fällt unser Fazit recht eindeutig aus. Kurz- und Mittelstrecke ja, ein Auto für längere (Urlaubs-)Fahrten ist der Aiways U5 definitiv nicht. Das unterscheidet ihn freilich nicht von anderen auch deutschen E-Autos. Was den U5 jedoch zum echten China-Kracher macht, ist sein Preis-Leistungsverhältnis. So viel Elektroauto für so wenig Geld gibt es kaum auf dem Markt. Dass Aiways Zutrauen zu seiner Technik hat, zeigt die Tatsache, dass die erste Wartung (bei den A.T.U.-Werkstätten) erst nach 100.000 Kilometern fällig wird.

Datenblatt Aiways U5 Premium

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