Einfach abtransportiert

Autodieb stiehlt VW-Neuwagen im Volkswagen-Stammwerk – ganz lässig mit dem Sattelschlepper

Ein Sattelschlepper transportiert VW-Fahrzeuge über die Autobahn. (Symbolbild)
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Mit einem Sattelschlepper transportierte der dreiste Auto-Trickdieb die VW-Fahrzeuge vom Volkswagen-Werksgelände. (Symbolbild)
  • Christian Schulz
    vonChristian Schulz
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Im VW-Stammwerk in Wolfsburg waren Sicherheitskontrollen fast inexistent. Das nutzte ein Autodieb und klaute ohne Probleme acht fabrikneue Volkswagen – mit einem Sattelschlepper.

Wolfsburg – Im VW-Kosmos in Wolfsburg kommt dem Werkschutz des Autobauers eine hohe Verantwortung zu. Neben dem Empfang von Gästen, dem Schutz von Veranstaltungen und Prototypen sowie der Gefahrenabwehr (derzeit u. a. Corona-Prävention) gehört es zu den Aufgaben der unternehmenseigenen Schutztruppe, das Werksgelände zu kontrollieren. Und dafür zu sorgen, dass keine wichtigen Dinge abhandenkommen – brandneu gefertigte Automobile zum Beispiel.

Ausgerechnet, was Letzteres angeht, können die Werkschützer von Volkswagen in den vergangenen Jahren nicht sonderlich auf Zack gewesen sein. Um ihnen dies nachsagen zu können, reicht ein Blick in die Statistik: Die weist nämlich aus, dass allein im Zeitraum zwischen 2016 und 2018 70 frisch produzierte Neuwagen gestohlen wurden – und zwar direkt vom Werksgelände am Mittelland-Kanal. Der Gesamtwert der geklauten Pkw übersteigt dabei drei Millionen Euro. (VW-Boss Herbert Diess brutal unter Druck – wegen Tesla und Elon Musk: So will er das Steuer rumreißen)

Eben noch in der Fertigungsstraße – schon entwendet: Ein Autodieb klaute mehrere VW Golf und VW Tiguan vom Werksgelände. (Symbolbild)

Autodieb stiehlt VW-Neuwagen im Volkswagen-Stammwerk – ganz lässig mit dem Sattelschlepper

Ein jüngst zu Ende gegangenes Verfahren vor dem Wolfsburger Amtsgericht beweist, wie einfach es die Diebe bei ihren erfolgreichen Raubzügen gehabt haben: So hat es ein 32-jähriger Fernfahrer angeblich ganz alleine geschafft, insgesamt acht nagelneue VW-Fahrzeuge zu entwenden – bei einem einzigen Diebstahl im Oktober des Jahres 2018. Laut den Ermittlungsbehörden soll der Autogauner dabei außergewöhnlich dreist vorgegangen sein. Quasi nach dem Motto „Frechheit siegt“. Genau dies geschah auch – zumindest zunächst. (Pflegerin bleibt mit Fiat Tipo im Schnee stecken – „Helfer“ entpuppen sich als dreiste Diebe)

Den Ermittlern zufolge soll der aus der westbulgarischen Bergbau- und Industriestadt Pernik stammende Mann mit einem leeren Autotransporter vollkommen unbehelligt auf das Werksgelände gefahren sein – und ohne große Umschweife den Verladebereich angesteuert haben. Dort lud der 32-Jährige in aller Ruhe drei neue VW Golf und fünf schicke VW Tiguan auf den Sattelschlepper – und verlies ungehindert das Volkswagen-Gelände. Anschließend fuhr er seelenruhig mit den acht erbeuteten Karossen im Schlepptau zurück ins heimische Bulgarien. Einige Wochen nach dem erfolgreichen Autoklau in Deutschland wurden sieben der acht gestohlenen Pkw im nur 30 Kilometer von Pernik entfernten Großraum Sofia zugelassen. Einen brandneuen VW Golf behielt der Autodieb für sich selbst. (Autodiebe mit Herz bringen Fiat Doblò von Rollstuhlfahrerin zurück – und entschuldigen sich reumütig)

Den Langfingern leichtgemacht: An den Werkstoren des Wolfsburger Volkswagen-Geländes wurde mehr als lässig kontrolliert. (Symbolbild)

Dreister Dieb klaut nagelneue VW im Volkswagen Stammwerk – darum klappte es so einfach

Ermöglicht haben den dreisten Autodiebstahl die offensichtlich kaum vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen im VW-Stammwerk. Bei diesen handelte es sich scheinbar mehr um Alibimaßnahmen als um wirkliche Hürden für Übeltäter. Wer es drauf anlegte und sich auskannte, hatte es leicht – zumindest wenn man der Staatsanwaltschaft Wolfsburg Glauben schenkt: Denn angeblich mussten Lkw-Fahrer, die Neuwagen abholten, keinerlei Papiere vorlegen, um das Werkstor zu passieren. Sie wurden einfach durchgewunken. (Tesla Model 3: Besitzerin überlistet Autodiebe – darum sollte man nie einen Tesla klauen)

Dem 32-jährigen Brummi-Fahrer half, dass er über das übliche Prozedere im Volkswagen-Werk Wolfsburg Bescheid wusste. Das Ganze lief bisher wie folgt: Nach der Endkontrolle erhalten die Fahrzeuge ein Label mit allen wichtigen Daten wie Fahrgestellnummer oder Auslieferungsziel. Dann werden die Autos auf den Verladeplätzen geparkt – in der Regel direkt in praktischen Achtergruppen. Denn exakt so viele Pkw passen auf einen gängigen Autotransporter. Die Schlüssel der Fahrzeuge bleiben stecken – damit es beim Verladen schneller geht. Die Lkw-Fahrer laden die Neuwagen selbstständig auf, scannen die Codes an der Windschutzscheibe und zeigen bei der Ausfahrt vom Werksgelände die Ladeliste vor. Da es am Tor keinen Abgleich der Listen mit der tatsächlichen Ladung gab, gelang es dem Autodieb, den Werkschutz mit alten Ladelisten zu narren. (Deutschlands dreistester Autodieb: Er klaute gleich dreimal)

Dreister Dieb klaut nagelneue VW: Fast 3 Jahre Haft – plus 345.000 Euro Schadenersatz

Eine werksinterne Analyse des vorhandenen Videomaterials aus den auf dem Werksgelände installierten Kameras brachte zunächst keine Aufklärung. Erst nachdem der Konzern die Kriminalpolizei eingeschaltet hatte – und diese aufgehobene alte Videoaufnahmen auswertete –, konnte der Täter ermittelt und dingfest gemacht werden. (Sensationell: VW Polo Harlekin gibt Kult-Comeback – in unserem Nachbarland)

Wie auch der Münchner Merkur berichtet*, ist der Sattelschlepper-Trickdiebstahl für den 32-Jährigen Lkw-Fahrer letztlich nicht gut ausgegangen. Das Amtsgericht Wolfsburg verurteilte den Lenker des Autotransporters zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten. Außerdem muss der Autodieb den Gegenwert der gestohlenen VW Golf und VW Tiguan in Höhe von rund 345.000 Euro ersetzen. Die entsprechende Summe konnte sichergestellt und eingezogen werden. *merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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